Samstag, 12. November 2011

Wehe, mich kosten meine eBooks etwas!

Man bekommt ja schon bei manchen Lesern den Eindruck, man würde etwas Verwerfliches tun, wenn man für seine eBooks Geld verlangt. Aber trotzdem ist diese Einstellung irgendwie noch nachvollziehbar. Ich als Kunde freue mich ja auch über alles, was ich günstig oder am besten kostenlos bekomme.

Was nur erstaunt ist, dass man diese Haltung gerade auch bei vielen Autoren antrifft, die nun versuchen, ihre eBooks selbst zu publizieren und damit Geld zu verdienen. Ich erlebe viele, denen bereits der einfachste unternehmerische Grundsatz fremd ist: Wer Geld verdienen will, muss auch bereit sein Geld zu investieren.

Die Veröffentlichungsweise als eBooks macht es einem dabei ja sogar schon denkbar einfach.
eBooks lassen sich kostenlos herstellen. Es ist nicht nötig, sich für teures Geld Adobe InDesign oder Photoshop zu kaufen.
sigil ist bereits im Beta-Status ein sehr guter ePub-Editor, mit dem man eBooks von Grund auf erstellen kann. calibre bietet die Möglichkeit, verschiedene Ausgangsformate in zahlreiche eBook-Formate zu konvertieren.
Wer bei Amazon veröffentlichen will, nimmt als Vorlage entweder die ePub-Datei oder nutzt das noch immer erhältliche Mobipocket Creator oder das (meines Erachtens nach) etwas sperrige KindleGen.
Und GIMP ein guter Bild-Editor

eBooks lassen sich also mit kostenlosen Programmen äußerst günstig erstellen. Nur dummerweise ist das Schritt 2 auf dem Weg zum fertigen eBook. Die Unwilligkeit zu investieren findet man bei Schritt 1 und 3. Und, ehm, ja, auch bei Schritt 2 ...

Schritt 1a: Für ein eBook brauche ich eine Vorlage; eine brauchbare Vorlage!
Viele Autoren, die noch nie veröffentlicht haben, tun sich schwer mit dem Wort "Lektor". Ja, richtig, das sind die, die alles umschreiben und einem reinreden. Das mag kein Autor, auch keiner, der schon veröffentlicht hat. Nur weiß jeder Autor, der etwas Bodenhaftung hat, dass (wenigstens irgendeine Form von) Lektorat seinen Texten meistens gut tut.
Und Lektoren kosten Geld. Gute Lektoren sogar richtig Geld. Da sind schnell mal 500 Euro für einen durchschnittlichen Roman fällig. Alleine hier empfiehlt es sich, ein Fläschchen Riechsalz bereitzuhalten, denn das sind Größenordnungen, mit denen ein selbst publizierender Autor nun mal gar nicht rechnet bzw. rechnen will.
Also liest man den Text noch mal selbst durch und schickt ihn durch die Word-Korrektur. Passt schon.
500 Euro?! Lektoren haben sie ja wohl nicht alle!

Schritt 1b: Auch ein eBook lebt von einem guten Titelbild, gerade in der nahezu unendlichen Auslage eines Online-Shops.
Natürlich geht es so: Ein Foto mit der Digitalkamera oder eines aus einer Fotodatenbank wie Fotolia, in Word oder Open Office kopiert, Text reingesetzt (passt grelles Grün zu knalligem Pink? Na, muss ...), und fertig ist das Cover!
Ja, es kann gut gehen. Nur ist ein gutes Foto noch lange nicht unbedingt ein gutes Covermotiv, und es gibt auch nicht für alles ein passendes Bild. Und nicht jeder weiß, wie man Schriftzüge vernünftig in ein Bild einfügt (oder mit welchen Programmen). Bleibt also noch der Weg zum Grafiker.
Und auch Grafiker kosten Geld. Gute Grafiker auch richtig Geld (man erkennt so langsam das Prinzip dahinter, nicht?). Grafiker sind im Vergleich zu Lektoren tatsächlich häufig brotlose Künstler (ich spreche aus Erfahrung), und so kann man ein brauchbares Covermotiv jederzeit für einen Preis zwischen 50.- und 200.- Euro erhalten.
50 Euro ... ich kenne genügend Einträge von Leuten in Diskussionsforen, die sich weigern "so viel" zu bezahlen. Dann doch grelles Grün auf knalligem Pink. Fällt wenigstens auf.

Schritt 3: Der Vertrieb
Hier wird es interessant, denn hier herrscht ein Wettbewerb der Shops untereinander. Will man mit eBooks sehr viele Leser auf einmal erreichen, gibt es zwei Hauptvertriebswege: Amazon und den Rest (die mit ePub).
Amazon bietet den Vertrieb über KDP kostenlos an. Der Rest nicht. Alle großen eBook-Shops, die ePub anbieten, lassen sich normalerweise über sogenannte Aggregatoren beliefern. Diese entsprechen inetwa den Grossisten im Printbereich.
Selbst publizierende Autoren haben es schwer, überhaupt von ihnen aufgenommen zu werden. Aggregatoren konzentrieren sich auf Verlage, da deren Titel erstens gewinnversprechender sind und ihr Sortiment für einen großen Bestand an Titeln sorgt.
Aggregatoren lassen sich ihren Vertriebsservice auch bezahlen, und zwar sowohl durch einen Anteil am Verkauf und häufig auch durch eine Vorabgebühr. Über diese Gebühr kann man geteilter Meinung sein. Smashwords in den USA schafft es, ohne Gebühr zu arbeiten.
Nur liegt diese Gebühr pro Titel im Bereich zwischen 20 und 30 Euro. Die wenigsten Autoren werden hundert Titel auf einmal veröffentlichen, also geht es um den Betrag, den die Blue Ray eines aktuellen Films kostet. Oder die Hälfte eines aktuellen Computerspiels.
30 Euro ... Resonanz in Diskussionsforen? Muss ich es schreiben? s.o.

Schritt 3a: Die ISBN
Auch hier gibt es wieder Amazon und den Rest. Während Amazon eine ISBN nicht vorschreibt, erwarten bzw. empfehlen alle anderen eine (obwohl sie faktisch bis heute keinen Nutzen bringt). Oder schreiben sie gleich vor, wie Apple. Aktuell kosten zehn ISBN 19.- Euro netto. Das ist pro ISBN schon happig, schaut man sich den Mengennachlass an, für den man tausend erhält.
Aber es sind trotzdem gerade einmal 19.- Euro. Wer alle halbe Jahre ein Buch schreibt (fleißig, fleißig!), dem reichen sie für fünf Jahre!
Bei Smashwords in den USA erhält man sie kostenlos dazu (ja, SW bietet unwidersprochen einen guten Service für seine Autoren!), also haben das gefälligst auch alle deutschen Aggregatoren zu leisten! Für eine ISBN bezahlen! Wo bin ich denn?!
(Nachtrag: Ich habe allerdings vergessen, die Grundgebühr von 129 Euro einzuberechnen, für die man die Verlagsnummer erhält. mea culpa.)

Oh, es bleibt noch Schritt 2 (jaja):
Wer will, kann seine eBooks kostenlos erstellen. Nur hat dazu verständlicherweise nicht jeder Lust oder Nerv. Also lässt man sich seine eBooks erstellen. Und, ja, ich wage es kaum zu sagen, auch das wird Geld kosten ... allerdings gibt es hier keine verbindliche Größe. Für ein und dieselbe Vorlage können je nach Dienstleister zwischen 50 und 500 Euro fällig werden.
Wer das nicht zahlen will, wird seine eBooks nun mal selbst erstellen müssen. Oder sich ausgiebig darüber beschweren, wer denn noch alles Geld von einem will!

Rechnen wir mal zusammen. Wer alle Serviceleistungen in Anspruch nimmt, muss mit Kosten von ca. 1000.- Euro für ein eBook rechnen. Ja, das ist happig. Gerade in Deutschland, denn bei uns brummen die eBook-Verkäufe noch bei weitem nicht so wie in den USA.
Wer an den Kernkosten wie Lektorat und Cover spart (oder sparen muss), kommt noch auf Kosten von gerade einmal um die 100 bis 150 Euro.

Soll es daran wirklich scheitern?

Wer ernsthaft vorhat, als selbst publizierender Autor langfristig sein Geld zu verdienen, sollte seine eigene Profession bitte entsprechend ernst nehmen und bereit sein, in sie zu investieren. Die Leser werden es einem danken.

Kommentare:

  1. Sehr klare Aussagen; vielen Dank! (Werde ich mir ausdrucken und im nächsten Seminar verwenden - das interessiert den einen oder anderen angehenden Autor vielleicht auch mal.)

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  2. Da sieht man mal wie "arm" Cover und Illu Künstler so sind.
    Zum Glück muß man davon nicht leben.

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  3. In dem Zusammenhang mal eine Frage eines Laien: wie kommt denn eigentlich der Buchpreis zustande, woher kann ich den Marktwert eines Buches einschätzen? Klar muss ich die Erstellungskosten kennen und auch eine Vorstellung davon haben, welchen Gewinn ich erzielen möchte.

    Ist aber nicht die Gefahr groß, dass ich dann ja später auch an diesen Preis gebunden bin, falls ich mich verrechnet habe? Das kann ja auch ein Nachteil sein.

    Ich komme aus einer ganz anderen Branche (ohne Preisbindung), entschuldigt mein Unwissen auf diesem Gebiet!

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  4. Preisfindung ist auch ohne Preisbindung (sorry für das Wortspiel) ein sensibles Thema. Ich hatte das tatsächlich schon für meinen nächsten Beitrag vorgesehen. :)

    Platt gesagt (jeder BWLler wird mich steinigen):
    Kosten + angepeilter Gewinn / realistisch verkaufbare Auflage = Ladenpreis

    "Auflage" ist aber das Zauberwort, was die Preisgestaltung bei eBooks so interessant und anders macht.

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  5. Da sollte Punkt 4 noch Erwähnung finden, zumindest, wenn man nicht nur in den eigenen Landesgrenzen veröffentlichen will. Eine vernünftige Übersetzung (+ optionales Lektorat in der Zweitsprache) geht nochmals richtig gen Schmerzgrenze.

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  6. Richtig, wobei sich die Kosten höchstwahrscheinlich sogar rechnen dürften.
    Vorausgesetzt, der Titel findet z.B. auf dem US-Markt seine Leser, dann können die Verkaufszahlen um den Faktor 10 oder 100 höher liegen als bei uns und alle Kosten schnell wieder einspielen.

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  7. Genau. Das Risiko sollte man, bei dieser einfach nachvollziehbaren Chance, einzugehen bereit sein. Notfalls kann man sich mit dem Übersetzer auch auf Überweisung der Millionen NACH den ersten, offensichtlich erfolgreichen, Verkäufen einigen. ;)

    Als erfolgreich kann eine VÖ schließlich auch dann schon gelten, wenn sie nicht DER Bestseller schlechthin wird. Denn, wenn es um die englische Sprache geht, sind die Wiesen verdammt groß und saftig. Da reicht selbst ein 'dezentes' globales Feedback, um damit einen nicht allzu verwöhnten Autoren-Haushalt finanziell decken zu können.

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  8. Die erfolgreichsten selbst publizierenden Autoren im US-Kindleshop sind die so genannten "Midlist"-Autoren.
    Autoren, deren Romane in gedruckter Form nie Bestseller waren, sich aber ganz gut verkauft haben.

    Und allen von ihnen ist bewusst, dass sie investieren müssen - in Cover, Lektorat, Konvertierung -, um ihre eBooks so professionell wie möglich anzubieten.

    Und die ersten davon haben Lizenrechte in andere Länder/Sprachen vergeben können, auch ohne den in den USA üblichen Literaturagent.

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