Sonntag, 18. März 2012

Interview mit eBook-Pionier Wilfried A. Hary

Die wenigsten der heutigen Leser wissen es - eBooks gibt es in Deutschland bereits seit über 25 Jahren, genauer gesagt, seit 1986! Damals hat sich der Romanautor Wilfried A. Hary an die meines Wissens nach erste kommerzielle Verwertung von Texten in elektronischer Form gewagt, auch wenn damals natürlich alles ganz anders aussah als heute ...

Wilfried hat sich die freundlicherweise Zeit genommen, mir für ein Interview zur Verfügung zu stehen.

Hallo Wilfried,

vielen Dank, dass du für dieses Interview bereit stehst.

Viele kennen dich ja als Heftromanautor seit den 1970er Jahren. Du hast u.a. bei "Atlan" und "Die Terranauten" mitgeschrieben, warst einer der Co-Autoren bei "Star Gate" und hast maßgeblich dazu beigetragen, dass die Serie heute noch läuft, hast mit "Mark Tate" deine eigene Gruselserie im Kelter Verlag veröffentlicht und zahlreiche Einzelromane geschrieben.

Den wenigsten ist bewusst, dass du einer der Urgesteine bzw. der Pioniere des eBooks bist.
Du hast 1986, vor über 25 Jahren, – also gerade einmal 15 Jahre nach Einrichtung des Project Gutenbergs 1971 – als meines Wissens nach erster weltweit damit begonnen, kommerzielle eBooks zu veröffentlichen. Jahre bevor PCs in die Haushalte einzogen, vom Internet ganz zu schweigen.

Wie bist du damals auf diesen Einfall mit eBooks gekommen?

Damals war ich einer der vier Erfinder von STAR GATE – das Original, und der Merkur Verlag ging damit leider baden, trotz guter Resonanz der Serie. Also blieb ich auf mehreren Manuskripten sitzen, die nicht mehr veröffentlicht werden konnten. Kein anderer Verlag wollte die Serie übernehmen, wieso auch immer.
Ich dachte mir eines Tages: Eigentlich läuft das ziemlich umständlich ab: Ich tippe den Roman, drucke ihn aus – was damals bis zu drei Tage dauerte mit der verfügbaren Technik! –, schicke das Manuskript per Post an den Verlag, wo es überarbeitet wird. Anschließend tippt man es erneut, damit es am Ende gedruckt werden kann … Als Druckexemplar gelangt es über mehrere Stationen endlich in den Handel und somit zum Leser.
Wie wäre es eigentlich, wenn man den direkten Weg ginge: Direkt vom Autor zu seinem Leser? Digitalisiert ist es schon. Muss also nur noch kopiert werden … Gedacht – getan! Die ersten eBooks waren geboren.

Wie hast du diese eBooks hergestellt und vertrieben? Wie viele Leser ließen sich damit erreichen?

Ich wendete damals einen Marketing-Trick an: Ich kaufte in großen Mengen die teuren Disketten ein, um sie am Ende billiger verkaufen zu können als sie normalerweise im Handel erhältlich waren. Immerhin kostete so ein „vorsintflutliches Ding“ – nämlich eine 3-Zoll-Wendediskette mit gut 100 Kilobyte Speicher pro Seite – knapp 20 DM, was im Vergleich zu heute mehr wären als 20 Euro.
Dank Staffelpreis konnten Großabnehmer pro Teil rund fünf DM sparen! Kein Wunder, dass meine DIKOMANe, wie ich diese ersten eBooks nannte, reißend Absatz fanden. Ich machte dabei in einer Computerzeitschrift mit monatlichen Inseraten aufmerksam. Eine große Resonanz zeigte mir, dass die Disketten nicht nur wegen ihres Preises, sondern auch wegen ihres Inhaltes gekauft wurden.
Es gibt Kunden, die sind mir bis heute erhalten geblieben aus der damaligen Zeit! Und um auch mal Zahlen zu nennen: Es waren damals tatsächlich Tausende!

Wie lange hast du die DISKOMANE hergestellt? Zu welchem Zeitpunkt bist du auf die gängigen eBook-Formate wie PDF und ePub umgestiegen? War das für dich eine große Umstellung?

Dieses Anfangskonzept griff leider nur bis ungefähr 1992. Dann waren die 3-Zoll-Wendedisketten am Ende. Ich musste umsteigen auf ein neues Konzept. Dabei habe ich stets darauf geachtet, dass meine eBooks unabhängig von irgendwelchen Formatvorgaben blieben: Sie hatten ihr eigenes Format und waren stets selbständig startbar, denn es handelte sich um sogenannte EXE-Dateien.
Das ging so bis Anfang dieses Jahrtausends. Inzwischen waren meine eBooks dermaßen ausgereift, dass sie auch heute noch bei weitem alles in den Schatten stellen, was die gängigen Formate zu bieten haben, einschließlich das Kindle-Format. Die selbststartenden Dateien hatten keinerlei Begrenzung des Umfangs oder gar des Inhaltes. Man konnte sie mit einem Passwort verschlüsseln. Sie waren unabhängig von Plattformen. Sie passten sich jeglichem Ausgabegerät perfekt und völlig selbständig an … Nur konnte sich dieses Konzept nicht mehr länger gegen PDF, ePub und Mobi durchsetzen, denn dies waren die Formate der sogenannten Großen.
Das enttäuschte mich vor zirka zehn Jahren dermaßen, dass ich mich zumindest als Anbieter (wenn auch nicht als Produzent!) vorübergehend völlig aus dem Geschäft zurückzog. Es zeigte mir einmal wieder: Qualität und Fortschrittlichkeit ist genau das, was sich am schwersten durchsetzt am Markt. Im Gegensatz zur Dummheit, denn es gibt immer noch Leute, die meinen: Erfolg sei gleich Qualität. Wäre das so, dann wäre die erfolgreichste deutsche Zeitung aller Zeiten – die mit den vier Buchstaben – auch gleichzeitig die qualitativ hochwertigste …

Welche Vision hattest du 1986 mit dem ersten "Star Gate"-eBook? Was waren damals deine Erwartungen für 2012 hinsichtlich Verbreitung und Technik?

Ich dachte natürlich von der ersten Stunde an auch an mögliche Lesegeräte – und orientierte mich an dem, was damals bereits technisch machbar gewesen wäre. Allerdings wurde ich in der Regel belächelt. Daher wurde auch nichts daraus.
Also blieb ich auf mich allein gestellt, was zwar nicht zu brauchbaren Lesegeräten aus meinem Hause führte, jedoch zu durchaus brauchbaren Ergebnissen betreffend der Software-Technik: Sieh dir einfach einmal einen DISKOMAN an von vor vielleicht fünfzehn Jahren und vergleiche diesen mit einer heutigen ePub-, PDF- oder Mobi-Version. Du wirst nachgerade schockiert sein über den offensichtlichen Rückschritt von heute!
Aber ich bin voller Hoffnung, dass sich dies in der Zukunft noch ändern wird. Vielleicht selbststartende eBooks, ohne jegliche Beschränkung, also auch reich illustriert, falls erforderlich oder gewünscht, in fünf bis zehn Jahren?
Dann wäre man genau dort angelangt, wo ich vor fünfzehn Jahren schon längst war. Und dann vielleicht sogar auf Lesegeräten, bei denen man nicht zwischendurch Kaffee trinken gehen kann, während das Gerät endlich die nächste Seite öffnet? Oder auf Geräten, die zwar dieses Problem nicht haben, aber deren Akku nach einer Busfahrt komplett am Ende ist?

2005 bis 2009 erschienen ja verschiedene deiner Serien als eBooks bei vph eBooks, später bei story2go. Es erschien mir, als hättest du dich damals vom eBook etwas zurückgezogen. Stimmt der Eindruck?

Ja, klar, ich war halt enttäuscht vom allgemeinen Rückschritt. Es ist halt leider so, wenn man als „Kleiner“ irgendetwas macht, wird man entweder vom Markt ignoriert – oder falls man es wirklich schafft, sein Tun bekannt genug zu machen und vielleicht sogar einen echten Erfolg damit zu erzielen, von den sogenannten Großen rechtzeitig verdrängt. Die haben da so ihre Möglichkeiten.
Ich sage nur: Es ist eine Sache, Recht zu haben, aber es ist eine völlig andere, Recht zu bekommen! Doch zurück zu den Aktivitäten bis 2009: Da gab es zwar nach wie vor eBooks aus meiner Produktion, doch eben nicht in meinem eigenen Vertrieb. Aber etwa 2007 habe ich parallel dazu doch wieder begonnen, eine eigene Plattform für den Vertrieb zu suchen – zwangsläufig angepasst an den rückschrittlichen eBook-Markt. Das habe ich dann ab 2009 entsprechend weiter ausgebaut – und bin immer noch dabei.

Seit 2009 durch den zweiten Anlauf mit eBooks und spätestens seit 2011 durch den Deutschlandstart von Amazon hat sich ja doch einiges getan und verändert. Wie siehst du die aktuelle Entwicklung? Was begrüßt du und was betrachtest du vielleicht kritisch?

Da versuchen ein paar Große, sich die Pfründe zu sichern. Der Deutsche Buchhandel wird letztlich der Dinosaurier sein, der auf der Strecke bleibt. Einerseits bedauerlich, was die vielen Arbeitsplätze betrifft, andererseits geschieht es ihnen recht, weil sie nach wie vor in keiner Weise begreifen, was eigentlich Sache ist.
Uns Kleinen kann diese Rivalität indessen nur gut und recht sein, denn das gibt uns genau die Chancen, auf die wir gehofft haben. Hoffentlich dauern die Grabenkämpfe noch eine Weile an, denn wenn die sich mal einig werden …

Was fehlt deiner Ansicht nach noch im derzeitigen eBook-Modell hinsichtlich Umsetzung, Vermarktung oder Distribution, was du dir vielleicht schon seit 1986 wünschen würdest?

So lange ich der Einzige auf dem Markt war – immerhin bis fast Ende der neunziger Jahre, also mindestens zehn Jahre lang –, habe ich auch als Einziger das Konzept vorgegeben. Dies wurde von den großen Wettbewerbern zu hundert Prozent ignoriert.
Und nun hoffe ich inbrünstig, dass die sich beinahe täglich verbessernde Situation für uns Kleine sich auch noch weiterhin verbessern darf – und am Ende es den Großen nicht gelingt, uns wieder komplett zu verdrängen, wie bereits erwähnt. Einmal abgesehen davon, dass man es vielleicht endlich schaffen wird, einen Standard zu schaffen, wie er bei mir schon vor so vielen Jahren gang und gäbe war …

Du hast ja auch ein großes Programm in gedruckter Form. Hast du dir selbst schon Gedanken darüber gemacht, völlig auf eBooks umzusteigen und die gedruckten Ausgaben aufzugeben?

Das kann ich meinen Leser nicht antun. Da gibt es bei einigen nach wie vor große Vorbehalte gegenüber eBook. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass es dem eBook niemals gelingen wird, das Gedruckte abzulösen. Das ist auch gar nicht nötig. eBook ist kein Ersatz, sondern eine Bereicherung. Das heißt: Es findet zusätzlich statt und nicht stattdessen!

Können wir in nächster Zeit eine Serie mit neuen Romanen von dir erwarten – vielleicht sogar exklusiv als eBooks?

Diese Serie gibt es schon: RED BOOK! Nicht ganz so neu allerdings, denn das gab es bereits gedruckt – schon zweimal sogar. Jedes Mal ein Flop, und jetzt, in digitalisierter Fassung, doch tatsächlich so ein kleiner Bestseller! Ich wäre dumm, würde ich das ändern wollen …

Wilfried, vielen Dank für deine Zeit.

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Die Interviews erscheinen übrigens auch nach und nach als Videos - was einem wundervollen Missverständnis zwischen Wilfried und mir zu verdanken ist ... Das erste mit Frage 1 könnte ihr hier sehen. Für den Rest bleibt bitte am Apparat. Im Fernsehen kommt sowieso nichts. ^^


Die eBooks von Hary Production finden sich sowohl bei beam eBooks wie auch bei Amazon. Wer in die "analoge" Fassung reinschnuppern möchte, findet die Paperbacks auf Wilfrieds Verlagsseite.

Die erste 11 Star Gate gibt es übrigens auch in einer eBoo-Edition von mir auf story2go.

Kommentare:

  1. Naja, EXE-Dateien als Plattformunabhängig ("Sie waren unabhängig von Plattformen.") zu bezeichnen ist schon sehr gewagt. Leider findet man im Netz auch keine Beschreibung der DISKOMANE, vorallem über den Aufbau bzw. über die Erstellung.
    Mich würde vorallem interessieren wie weit es den heutigen Formaten "überlegen" ist?

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  2. Eigentlich ist bereits alles erklärt, aber nicht jeder kann anscheinend lesen oder auch nur hören: Erstens einmal handelt es sich um eine Rückschau! Das heißt, das Beschriebene ist bis zu 25 Jahre her. Heutzutage würde natürlich kein Mensch mehr EXE als Suffix wählen - im Zeitalter der Apps. Zweitens gibt es DISKOMAN seit rund zehn Jahren endgültig nicht mehr. Unter den aktuellen Betriebssystemen würde es auch nicht mehr laufen. Und was die Beschreibungen betrifft: Die historische Zusammenfassung müsste eigentlich genügen. Aber antürlich gibt es sämtliche DISKOMANe - auch in der Fassung von vor über 25 Jahren! - nach wie vor bei mir im Archiv zu besichtigen. Ich kann also jederzeit lückenlos nachweisen, dass ich der eigentliche Erfinder dessen bin, was man heutzutage eBook nennt. Die "Erfinder", die in den Medien alljährlich gefeiert werden, waren entweder viele Jahre nach mir am Ball - oder sie haben etwas gemacht, was eben kein eBook war und ist. Das Versenden von Texten innerhalb eines Netzwerkes beispielsweise nennt man heutzutage SMS - und eben NICHT eBook. Darauf habe ich immer wieder hingewiesen, aber diese Hinweise wurden von der "großen Presse" ignoriert. Bis heute.

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