Donnerstag, 10. Mai 2012

War's das mit eInk?

Lesegeräte mit einem eInk-Display hatten für eBooks eine neue Epoche eingeläutet. Erst durch sie fanden eBooks ein breiteres Publikum. Vor allem mit dem Amazon Kindle in den USA. Erstmals gab es eine elektronische Darstellungsweise, die nicht mehr pixelig war, sondern dem gedruckten Text sehr nahe kam.


Warum ich in der Vergangenheit rede?

Weil sich die Frage stellt, welche Zukunft eInk noch hat.

Technisch scheint derzeit ein toter Punkt erreicht zu sein. Mit dem Pearl Display dürfte das aktuell technisch Machbare ausgeschöpft sein. Der Kontrast ist gut, die Schrift bestenfalls gestochen scharf - und trotzdem, tut mir leid, der Hintergrund erinnert immer noch eher an Umweltschutzpapier denn an ein angenehmes z.B. Chamois wie im Printbereich.
Mich persönlich überzeugt das bis heute nicht. Und ich habe die ersten eBooks anno 2000 auf meinem PDA dunkelgrün auf hellgrün gelesen ...


Auch bei der farbigen Darstellung will eInk nicht wirklich vor der Stelle kommen. Bereits Ende 2009 wurden die ersten Prototypen vorgestellt. Mirasol hatte damals wirklich Aufsehen erregt. Was hat sich seitdem getan? Nicht wirklich viel.

Inzwischen gibt es zwei Geräte in Serienproduktion: den Kyobo Reader, tatsächlich mit Mirasol-Display und den Ectaco Jetbook Color. Good E-Reader hat beide einmal miteinander verglichen.




Das ist das Ergebnis nach zweieinhalb Jahren. In dieser Zeit hat Apple das iPad vorgestellt und inzwischen die dritte Generation ins Rennen geschickt. Barnes & Nobles hat den nook color, und Amazon seit Herbst 2012 das Kindle Fire. Alles Tablets, alle mit LCD-Display.
Natürlich braucht man kein Farbdisplay, um reinen Text zu lesen. Doch das gilt ausschließlich für die Belletristik. Daneben gibt es Fachbücher, Sachbücher, Magazine, Kinderbücher, Comics, etc., bei denen es ohne eine gute farbige Darstellung einfach nicht geht. Und das sind Marktsegmente, mit denen sich mehr Geld verdienen lässt als mit der schönen Literatur (den "belles lettres").

Das bringt uns neben den aktuellen begrenzten technischen Möglichkeiten zum zweiten Punkt: Der Verbreitung am Markt.
Der Kindle dürfte ein Millionenseller sein, keine Frage. Und weltweit gesehen platzieren sich auch die Lesegeräte von  Sony, Barnes & Nobles und Kobo gut. Dem gegenüber stehen Smartphones und Tablets in einer Verbreitung im dreistelligen Millionenbereich. Und trotz der nicht unbedingt augenfreundlichen LCD-Technologie werden viele dieser Geräte bewusst zum Lesen eingesetzt. 
Und selbst LCD-Displays entwickeln sich weiter. AMOLED oder das Retina-Display sind keine Spielereien; sie bedeuten tatsächlich eine deutlich verbesserte Darstellung.

Gerade Vielleser greifen wegen der fehlenden Displaybeleuchtung lieber zu eInk als zu LCD. Nur weist der Begriff der "Vielleser" auf einen kritischen Punkt hin.
Es gibt deutlich mehr Gelegenheitsleser als Vielleser. Gelegenheitsleser sind auch für Verlage viel interessanter. Es gibt einfach mehr von ihnen, sie sind mit dem Bestsellerangebot soweit gut versorgt und stellen also einen "pflegeleichten" Konsumenten dar.
Gelegenheitsleser aber werden weitaus seltener zu einem dedizierten eInk-Lesegerät greifen, mit dem sie nichts anderes machen können als lesen. Sie werden ein Tablet bevorzugen, das neben all seinen Möglichkeiten des Zeitvertreibs auch das Lesen abdeckt.

Der Trend weg von eInk hin zu Tablet wird durch eine aktuelle Studie der BISG (Book Industry Study Group) in den USA belegt. Das ist keine neue Erkenntnis. Diesen Trend konnte man bereits letztes Jahr bei ähnlichen Untersuchungen feststellen.
Das muss keine Abkehr von eInk sein. Es kann gut sein, dass das eben kleinere Marktsegment von Viellesern mit eInk-Geräten gesättigt ist, während bei den Gelegenheitsleser noch Potenzial nach oben ist.
Allerdings musste auch die eInk Holdings, die weltweit die Displays u.a. für den Kindle und nook herstellt,  im ersten Quartal 2012 einen Verlust von 25 Millionen US$ vermelden.

Auf Teleread hat eine Artikelautorin "eingestanden", dass sie mit ihrem iPad inzwischen mehr liest als mit ihrem Kindle. Und ich kann an mir selbst feststellen, dass ich inzwischen lieber das iPad zücke als eines meiner insgesamt drei eInk-Lesegeräte, wenn ich mal zwischendurch etwas lesen will.
Ich lese ein wenig, mache eine Pause, surfe etwas, spiele vielleicht eine Runde, blättere in einem Digital Comic und lese dann wieder weiter. Und das alles auf einem Gerät. Da ich zudem keine Probleme mit LCD habe und ein ausgesprochener "Indoor-Leser" bin (wenn ich draußen an der Sonne bin, fällt mir alles Mögliche ein, nur nicht Lesen ... Lesen kann ich drinnen), stören mich die - sehr wohl vorhandenen - Schwächen des Displays nicht.

Das sind natürlich nur zwei Beispiele. Aber dann ist da noch ein Bekannter, der gerne liest, aber das lieber auf seinem Smartphone oder Tablet macht und gar nicht wüsste, warum er sich ein extra Lesegerät zulegen soll. Ein anderer Bekannter hat sich letzten Herbst doch einen Kindle zugelegt, obwohl ihm ein Gerät mit Farbdisplay lieber wäre. Es häuft sich. Auf solche Beispiele stoße ich zunehmend.

Mir als Autor und als Verleger und als absoluter Verfechter von eBooks ist wichtig, dass die Leute eBooks lesen. Ob sie das auf einem eInk-Display tun oder auf einen Tablet mit LCD, diese Frage stellt sich für mich nicht.
Sollte es sich irgendwann herausstellen, dass eInk eine kurzlebige Brückentechnologie war, dann hat sie einen wichtigen Zweck erfüllt: eBooks zu einem Massenmedium zu machen. Und dafür bin ich ihr jetzt schon dankbar.

Kommentare:

  1. Ich habe meine ersten eBooks auf dem Amiga gelesen, im Amiga.guide Format. Und Multimedia-enhanced eBooks gab es da auch schon. Als stationäre Displays zB in Museen waren sie beliebt, im Hausgebrauch ausser zT in England eher nicht. Nach einem Franklin eBookMan und mehreren Palm Tungsten bin ich derzeit mit dem Kindle glücklich - ohne Feuer, mit eInk (Kindle Keyboard 3G. Ein Grund: Weltweiter Internetzugang. Kostenlos. Für immer. You can't beat that.
    Ich habe schon ein Touchscreen Smartphone, auf dem ich meine Kindle-eBooks genauso lesen kann wie auf dem Laptop und auf dem Kindle selbst. Und das feine: Das Wechseln der Geräte ist bruchlos, jedes öffnet sich auf der Seite, auf der ich auf dem anderen Gerät zuletzt gelesen hatte. Ein gigantischer Bonus: die eInk-Akkulaufzeit. Tage, nicht Stunden, ganz anders als eine Tablet-Version. Auch das ein Grund, warum ich auf Reisen immer meinen Kindle3G dabei habe. Wenn ich unbedingt spielen will: Sudoku, Wordpuzzles und andere textbasierte Spiele über das Internet lassen sich als Kindle-Apps auch auf eInk spielen, aber klar ist: Wäre es das was ich wollte, hätte ich jetzt den Fire statt meines dritten 3G.

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  2. Ganz im Ernst, am Display zu lesen reizt mich überhaupt nicht. Ich sitze tagsüber für die Arbeit schon insgesamt zehn Stunden am Computer, wenn ich da noch am Bildschirm lesen "müsste"... für mich ist ePaper eine großartige Errungenschaft, und ich möchte es keinesfalls missen. (Vom geringeren Stromverbrauch einmal ganz abgesehen...)

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  3. Ich sitze aus beruflichen Gründen auch den halben Tag vor dem PC. Und trotzdem macht es mir Spaß, mich mit meinem iPad auf die Couch zu hauen. Dessen Display ist nicht so "kopffüllend" wie ein Monitor. Ich kann Gedanken und Augen schweifen lassen und entspanne mich dabei. Umgebung und Umgebungslicht, und alleine schon der Grund *warum* ich vor dem Display sitze, sorgen für andere Rahmenbedingungen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass eInk verschwinden wird. Ich bezweifle nur, dass es die vorherrschende technische Plattform sein wird, auf der in Zukunft gelesen wird.

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  4. > Ich lese ein wenig, mache eine Pause, surfe etwas, spiele
    > vielleicht eine Runde, blättere in einem Digital Comic und
    > lese dann wieder weiter. Und das alles auf einem Gerät.

    Das erinnert mich an die völlig reizüberflutete Jugend, die es nicht mehr schafft, sich auf eine Sache zu konzentrieren ...

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  5. Hehe, ich nehme mir pro Aktion schon etwas mehr Zeit als ich brauche, um es hier in einer Zeile zu schreiben. ;-)

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