Dienstag, 25. September 2012

eBooks kosten ja nichts in der Herstellung ...

Ich bin ein Verfechter günstiger eBook-Preise. Das ist seit 2002 so, das habe ich bei allen eBooks, die unter meiner Regie erschienen sind, so umgesetzt, und von dieser Position werde ich nie abrücken.
Doch es ärgert mich, wenn Spottpreise für digitale Literatur verlangt werden, mit dem Hinweis, "das eBook zu erstellen kostet ja nicht" oder "nur ein paar Cent".


Dieses Argument wird dann gebracht, wenn es um die Preisgestaltung etablierter Publikumsverlage geht. Und, ja, richtig, die ist nicht nachvollziehbar.
Irgendwann kam jemand auf den sinnfreien Einfall "20% weniger ist in Ordnung", ohne diese Preisdifferenz in irgendeiner Form zu kalkulieren oder kaufmännisch nachvollziehbar belegen zu können.
20% günstiger als die gedruckte Ausgabe ist ja (un)schön und (un)gut. Aber was ist, wenn überhaupt keine gedruckte Ausgabe existiert, die als Vorlage für die digitale Umsetzung herangezogen wird? Wenn der Titel exklusiv oder vorrangig als eBook erscheint?

Leser sind verärgert, weil hier mit dem Lineal eine Linie gezogen wurde und große Verlage sich aktuell auf diese Preisgestaltung verständigt zu haben scheinen.
Ich als Autor und eBook-Verleger bin verärgert, weil viele Leser außer Acht lassen, dass inzwischen auch in Deutschland immer mehr Titel ausschließlich als eBooks erscheinen. Hier kann dann keine Mischkalkulation aus Print und Digital und ein Pi mal Daumen-Preis angesetzt werden. Sondern hier ist das eBook die einzige Einnahmequelle. Und dessen Entstehung und Erstellung ist mit Kosten verbunden.

An dieser Stelle möchte ich einer Einstellung zum Schreiben den Zahn ziehen.
Schreiben ist in unserer Unterhaltungslandschaft zuallererst ein Beruf. Und mit einem Beruf will man Geld verdienen. Das will der Drehbuchautor beim Film genauso wie der Gag-Schreiber für eine Comedy-Produktion. Das will der Journalist genauso wie der Werbetexter.
Und das wollen auch die meisten Autoren für Unterhaltungsliteratur. Wer das Glück oder die Einstellung hat, seine Werke rein aus Liebe zur Literatur und aus Hingabe zur Kultur zu erschaffen, darf dies gerne tun. Ich muss damit meine Miete zahlen.

Und das heißt, ich muss berechnen, wie viel Aufwand in ein Werk geflossen ist. Und zusehen, dass ich diesen Aufwand wieder erwirtschaften kann.
In meiner Zeit als angestellter Autor für Browserspiele habe ich den überragenden Stundenlohn von 11,25 Euro verdient. Brutto. Netto waren das 7,50 Euro. Man kann auch als Festangestellter "armer Poet" sein.

Daher habe ich mir erlaubt, mir mit meiner Selbstständigkeit einen Stundenlohn von 12,50 Euro zuzugestehen. Auch nicht überragend viel. Diese 12,50 ziehe ich als Berechnungsgrundlage für meine Autoren- und Verlagstätigkeit heran.
Ich führe genau Buch, wie viel Stunden an Arbeit in ein eBook geflossen sind. Konvertierung, Formatierung, Korrektur, Cover-Erstellung, etc., etc. Arbeiten, die ich an freie Mitarbeiter gebe, wie Lektorat fließen dann natürlich mit deren konkreten Rechnungskosten in ein Projekt.
Veröffentliche ich die Titel von Drittautoren oder Partnerverlagen, halten sich die Kosten oftmals tatsächlich  im überschaubaren Rahmen. Sonst dürfte ich viele der Titel, die bei story2go erscheinen, überhaupt nicht veröffentlichen.

Ganz anders sieht es aus, wenn ich einen Titel selbst schreibe. Denn hier berechne ich auch die Zeit, die das Schreiben des Romans gekostet hat. In dieser Zeit hätte ich auch anderweitig Geld verdienen können. Also muss das Schreiben zumindest seine Kosten einspielen.

Mein aktueller Roman "Talon - Dunkles Erwachen", ein Dschungelabenteuer, hat mich mit dieser Berechnung etwas über 1200 Euro gekostet.
Schreiben, Durchlesen, Überarbeiten, Lektoratskosten, Durchlesen, Überarbeiten, Cover erstellen, Formatieren.
Ich habe einen Verkaufspreis von 2,99 Euro angesetzt, bei einem Umfang von ca. 170-180 Taschenbuchseiten. Wie schon gesagt, ich bin kein Freund hoher eBook-Preise. Da ich mich zudem entschlossen habe, von jedem Verkauf 25 Cent an die Organisation "Rettet den Regenwald" zu spenden, bleiben mir bei Amazon unter dem Strich von jedem Verkauf ca, 1,75 Euro.

Und das heißt, dass ich von diesem eBook mindestens 700 Stück verkaufen muss, damit sich das Projekt gerechnet hat. 700 ... das ist eine "Auflagenhöhe", die viele Kleinverlage nicht einmal im Druck erreichen. Ich kenne Titel aus Publikumsverlagen, die in etwa so viel verkauft haben.
Sicher, ich hätte den Preis höher ansetzen können. Bei 3,99 Euro müsste ich allerdings auch noch 500 Downloads erreichen. Ja, ich hätte auf die Spendenaktion verzichten können. Nein, hätte ich nicht. Die ist mir wichtig.

Jeder Autor hat in sein Werk Zeit und Geld investiert. Und daher auch das Recht, den Preis für sein Werk so hoch anzusetzen, wie er oder es für richtig hält. Das sollte man als Leser respektieren. Wem der Preis zu hoch ist, soll auf den Titel einfach verzichten (und sich bitte nicht in Tauschbörsen bedienen; wenn es einem der Roman wert ist, zu lesen, ist er es auch wert, ihn zu kaufen).
Jeder Autor sollte sich allerdings bewusst machen, dass eBook-Leser ein gewisses "Preisempfinden" haben. Leser möchten sich genauso wenig über den Tisch gezogen fühlen, wie sich Autoren unter Wert verkaufen möchten.

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"Aber, diese 12,50 Euro pro Stunde, die sind doch nur virtuell, nicht wirklich ausgegeben."
Richtig. Sie sind genauso virtuell wie jedes Gehalt und jedes Honorar, das noch nicht ausgezahlt wurde. Kein Arbeitnehmer kann sich sicher sein, dass er sein Geld am Monatsende erhält. Kein Dienstleister kann sich sicher sein, dass seine Kunden pünktlich zahlen. Oder überhaupt zahlen. Oder er sein Geld zu 100% erhält.
Jeder, der gegen Geld arbeitet, tritt mit seiner (Lebens)Arbeit(szeit) in Vorleistung (selbst die Glücklichen mit Vorabhonoraren müssen diese reinarbeiten). Ob diese vergolten wird, muss sich dann noch zeigen. Jeden Monat, jede Rechnung aufs Neue.

"Aber ich schreibe doch, weil es das ist, was ich tun will. Aus Spaß und Begeisterung. Nicht mit einem Stundensatz im Hinterkopf."
Ich hatte im Laufe meines Lebens schon andere Jobs, die mir Spaß gemacht haben und für die ich mich begeistert habe. Und trotzdem wollte ich am Monatsende meine Gehaltsabrechnung sehen.
Ich schreibe auch, weil ich es tun will. Nur bin ich allein stehend, wohne nicht bei Muttern, ohne Erbschaft oder angespartes Geld. Ich lebe vom Schreiben. Schreiben "just for fun" kann ich mir momentan nicht leisten. Wortwörtlich. Schreiben sichert mir meine Existenz.


Es geht mir darum, dass gerade Self Publishing-Autoren lernen, ihre eigene Arbeit zu quantifizieren. Wie jeder Selbstständige, der ein Honorar kalkulieren muss, von dem er leben kann.
Wie ein Autor seine eigene Leistung berechnet, sollte jeder für sich selbst erarbeiten. Für mich ist der Stundensatz die pragmatischste Form, weil ich nicht nur Autor, sondern auch Verleger und Dienstleister bin. Andere rechnen in Downloads. Andere rechnen mit dem Mindestbetrag, den sie pro Monat verdienen müssen, um sich (und vielleicht ihre Familie) zu ernähren.


eBooks lassen sich deutlich günstiger herstellen als gedruckte Bücher. Erst recht von unabhängigen Autoren. Aber sie lassen sich nicht zum Nulltarif oder zum Spottpreis herstellen und verkaufen.  Als Autor investiert man Stunden, Tage und Wochen, um einen Roman zu erschaffen und zu veröffentlichen.
Und diese Investition sollte man als Leser bitte honorieren. Ob es sie einem wert ist, das kann jeder Leser dann immer noch selbst entscheiden.

Kommentare:

  1. Viele Autoren, die ihre eBooks selbst produzieren und anbieten, möchten ihr Werk veröffentlicht sehen. Punkt. Das mit dem Verkaufen und Geld einnehmen kommt wenn überhupt an zweiter Stelle. Daher spielt alles, was Du aufzählst, meist keine Rolle für viele Anbieter.

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    1. Guido, mein Beitrag richtet sich ja auch daher an Autoren, die von ihrer Schreiberei leben wollen. Diese wollte ich mit meinem Beitrag nur daran erinnern, dass ein betriebswirtschaftliches Denken mit dazugehört.
      Und die anderen erinnert es vielleicht daran, dass da draußen ein paar sind, die davon leben wollen. Und deshalb hart kalkulieren müssen.

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  2. Danke. Das sind mal ein paar kluge, klare Worte (abseits von diesem ganzen unsäglichen "Wir sind Urheber"-Gedösel).
    Die Preispolitik der Printverlage in Sachen E-Book ist einer der Punkte, über die ich mich schwarz und blau ärgere. Nicht nur als Buchkäuferin, sondern auch als Autorin. Ich nerve meine Verlage schon lange damit, dass sie meine E-Books preiswerter machen sollen - aber das ist bisher leider eine Mischung aus Sisyphus und Herkules ... anstrengend und relativ ergebnislos. ;-))

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  3. Ich bin ja auch einer, der eBook Preise für überteuert hält, aber 2,99 für 1200 Seiten halte ich sogar für ein Schnäppchen.
    Selbst bei 3,99 würde ich, wenn ich ein Buch in die Richtung dieses Romans suchen würde wohl kaufen, ohne großartig reingelesen zu haben.
    Meine grobe Richtschnur liegt so bei 1 Euro pro 120 Seiten. Damit wären etwa 10 Euro der Preis, bei dem ich es behandeln würde, wie ein Print-Buch im Laden. Also mal 5 Seiten anlesen, sehen, ob mir der Schreibstil gefällt, evtl mal bei Freunden fragen, ob es denen gefallen hat.
    Bei 8 Euro hör ich auf zu fragen, bei 5 Euro spar ich mir das probelesen. Da leiste ich mir durchaus mal ne Überraschung.

    1200 Seiten sind immerhin 20 Stunden Unterhaltung.

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  4. Auf der Suche nach E-Book-Empfehlungen bin ich zufällig auf diesen Beitrag gestoßen. Ich muss dazu sagen, als E-Book-Leser möchte ich auch günstigere Preise haben. Aber ich zahle auch gern für Qualität und ich würde nicht generell allen Lesern unterstellen, sie könnten die Qualität und das Preis-Leistungsverhältnis von Büchern nicht angemessen erkennen. Ich stöbere öfter auf http://www.xinxii.com und kaufe dort E-Books, die meisten auch von Selfpublishern. Teilweise werden für völlig unlektorierte E-Books inhaltlich minderer Qualität unverschämte Preise genommen, und so manche überraschend gute unbekannte Entdeckung bekommst du für 3-5 Eur. Woran soll man sich da als Leser also orientieren? Die Erfahrung zeigt, dass nicht jedes E-Book für 2,99 Eur Trash-Ware ist.

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    1. Leider bietet bis heute nicht jeder Shop wie Amazon eine kostenlose Leseprobe aller Titel an. Bei Autoren, die einem unbekannt sind, immer noch das wichtigste Instrument, um festzustellen, ob einem der Schreibstil liegt und wie handwerklich sauber der Text umgesetzt wurde.
      So kann man ja auch am schnellsten entscheiden, ob einem gerade dieser Titel den verlangten Preis wert ist.

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  5. 12,50 Euro die Stunde sind keine - auch nur annähernd realistische - Basis für ein Leben als Freiberufler. Eine vernünftige Altersvorsorge oder ein Sparen für Krankheitsfälle sind nicht möglich. Das Leben in einer Großstadt wie Frankfurt ebenfalls nicht.
    Realistische Zahlen kann man beispielsweise hier errechnen: http://www.akademie.de/wissen/wunschnetto-rechner

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    1. Das Modell ist eines, das individuell auf meine Lebensumstände angepasst ist. Berlin ist günstiger als Frankfurt oder München. Da käme ich mit dem Stundensatz natürlich nie hin.

      Es geht mir darum, dass man als Autor/Selbstverleger ganz bewusst versteht und lernt, die eingesetzte Lebensarbeitszeit als Investition zu sehen und entsprechend zu quantifizieren.
      *Wie* man das macht, kann nur jeder für sich selbst bestimmen. Ich habe hier als Vorschlag mein Modell aufgeführt, das ich auf mich anwende.

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