Donnerstag, 25. Oktober 2012

Amazon Kindle Fire - ein erster Eindruck



Heute kam es, direkt am Erstverkaufstag:

Amazons erstes Tablet auf Android-Basis, der Kindle Fire. Ich habe mir aus beruflichen Gründen bewusst nicht das neue HD-Modell zugelegt, sondern das Vorgängermodell für 159,- Euro, das in den USA bereits seit gut einem Jahr erhältlich ist. Alles, was hier gut aussieht, dürfte auf dem HD-Modell noch besser aussehen. Ich teste aber lieber das schwächste Glied in der Kette.



Amazon liefert den Fire wie immer in einer unprätentiösen Karton-Verpackung aus, was mir sehr recht ist. Edel-Abfall brauche ich nicht.
Der Lieferumfang umfasst das Gerät selbst, ein USB-Kabel und eine Anleitung, das war's.
Netzstecker oder USB-Adapter fehlen wie üblich. Wer so etwas nicht vorrätig hat, sollte sich einen mitbestellen. Das Aufladen geht über Steckdose erfahrungsgemäß erheblich schneller als über USB am Computer.

Das Aufladen selbst hat dann erfreulicherweise nur eine gute halbe Stunde gedauert; das Gerät wäre also mit einer Restladung gleich einsatzbereit gewesen. Der Anschluss und die Erkennung über USB auf Windows 7 liefen ohne Schwierigkeiten. Man erhält wie schon beim Kindle ein Ordnermenü, in das sich Dateien auch manuell übertragen lassen.
Nachtrag: Anders als bei früheren Kindle-Versionen werden eBooks nicht mehr in den Ordner "Documents" kopiert, sondern in den Ordner "Books".

Erster Eindruck: Kompakte Abmessungen, stabile Verarbeitung. Rand und Rücken sind gummiert, was für einen griffigen Halt sorgt. Es liegt insgesamt gut in der Hand. Die nachgewogenen 391 Gramm spürt man. Es ist kein federleichtes Gerät. Nach über einer Stunde Liegen auf der offenen Handfläche habe ich ein Ziehen im Handgelenk verspürt. Hier dürfte das Halten an der Seite auf Dauer die entspanntere Halteweise sein.

Was unangenehm auffällt, ist der Einschaltknopf auf der Unterseite, wenn man das Gerät aus dem Standby holen will. Hier bin ich über die gummierten Kanten froh. Den Knopf muss man schon fest drücken, und bei einer glatten Oberfläche wie z.B. dem iPhone hätte ich Angst, dass mir der Kindle Fire wie ein nasser Hering durch die Hand flutscht ...


Wer Android kennt, kommt mit dem Kindle Fire sehr schnell und leicht zurecht. Amazon nutzt eine völlig auf seine Bedürfnisse umgebaute (zurechtgestutzte ...) Android-Version, die ein paar Optionen von Smartphones vermissen lässt. Im Lese- oder Unterhaltungsalltag dürften diese aber zu vernachlässigen sein. Das Gerät reagiert auf Eingaben insgesamt sehr schnell. 

WLAN wurde problemlos erkannt und aufgebaut. Die Cloud hat mir innerhalb weniger Sekunden alle eBooks in meinem Account angezeigt (dazu später mehr).
Sie lassen sich auf das Gerät herunterladen, leider nur jedes einzeln. Ich habe keine komfortable Bulk-Downloadfunktion finden können.

In Innenräumen bietet das Display satte Farben und eine gute Darstellung, für mich völlig ausreichend. Es ist natürlich weder Retina oder HD. Aber für den Preis richtig gut.
Spiegelt es im Tageslicht? Oh ja, wie jedes mir bekannte Tablet. Draußen lesen bei Sonnenschein ist auch auf dem Fire kein wirkliches Vergnügen.


Zur Funktion, die mir am Wichtigsten ist: das Lesen von eBooks.

Was als erstes auffällt, sind die schmaleren Abmessungen als bei den eInk-Geräten (womit im Landscape-Modus natürlich eher eine Widescreen-Darstellung von Filmen möglich ist).

Die dargestellte Seite ist deutlich schlanker. Zum Glück bietet der Fire sehr viele Einstellmöglichkeiten, und das erste, was ich gemacht habe war, den Rand zwischen Text und Außenkante zu verkleinern.

Die Schrift lässt sich in insgesamt zehn Größen gut abstufen, wobei die optimalsten Einstellungen bei Größe 4 oder 5 liegen dürften. Insgesamt sind sechs Schriftarten installiert, vier mit Serifen, zwei ohne.

Anders als beim Kindle wird hier Blocksatz konsequent umgesetzt, d.h. der Flattersatz bei zu langen Worten entfällt. Wer bereits auf einem Tablet oder Smartphone mit Kindle-App gelesen hat, wird sich auch im Menü ohne Schwierigkeiten zurechtfinden. Die Sortier- und Darstellungsweisen entsprechen denen der Apps.
Nachtrag: Der Kindle Fire beherrscht Silbentrennung. Sie greift allerdings erst bei richtig langen Worten. Es kann also nach wie vor zu Lücken in den Zeilen kommen, trotzdem geht das optisch in die richtige Richtung.


Zwischenbemerkung: Nach einer guten Stunde wird das Gerät auf der unteren Hälfte der Rückseite spürbar warm. Nuja, im Herbst und Winter nicht ganz unpraktisch ...



Amazon hat die Handhabung seines Shops (eBooks und allgemein) meinem Empfinden nach optimal angepasst. Die Oberfläche mit viel Side-Scrolling lässt sich leicht bedienen und bleibt immer übersichtlich.

Kostenlose Titel werden im Shop ganz unten versteckt (oder man sucht in den Kategorien nach Preis aufwärts). Amazon sieht den Kindle Fire als Verkaufsoberfläche, das wird nicht nur an diesem Aspekt deutlich.

Surfen lässt sich insgesamt mit dem Gerät sehr gut. Natürlich muss man das verhältnismäßig kleine Display in Betracht ziehen. Das ist über die Zoommöglichkeiten aber auch nur bedingt ein Thema. Aber auch hier gilt wieder: der Kindle Fire ist in erster Linie ein handliches Unterhaltungsgerät, kein Ersatzcomputer.

Bei Facebook z.B. allerdings rate ich, auf die App zurückzugreifen. Hier hatte ich über den Browser verschiedene unschöne Darstellungen, die auch die Navigation erschwerten.

Bleibt noch Multimedia.

Musik: Das Übertragen von MP3-Dateien kann per USB oder aus der Cloud erfolgen. Der Klang ist meines Erachtens nach leicht metallisch, aber auch bei einem Klangmonster wie "Dream is collapsing" aus 'Inception' über Kopfhörer satt. Umschalten von Musik auf eBooks klappt reibungslos, man kann also beim Lesen seine Hintergrundmusik laufen lassen.

Videos: Die Video-Funktion im Hauptmenü ist ausschließlich für Amazons Verleihservice Lovefilm vorgesehen. Eigene Videos im MP4-Format lassen sich hochladen, aber ausschließlich über "Apps" > "persönliche Videos" betrachten.
Lovefilm habe ich mit einem Trailer mal ausprobiert. Die Darstellungsqualität war ansprechend, über HD sollte sie auch gehobenen Ansprüchen genügen. Bei eigenen Videos ist man auf die Qualität der App(s) angewiesen, die Amazon zur Verfügung stellt.

Apps: Von Spielen über ernsthafte Anwendungen gibt es einiges. Ich vermeide wohlweislich "alles", da ich nicht abschätzen kann, was Amazon aus dem Marketplace übernimmt oder zulässt. Auf wütende Vögel muss aber auch auf dem Fire keiner verzichten. ;-)

Über die Funktionen Fotos und Dokumente greift man auf Dateien zurück, die in der Amazon Cloud gespeichert sind. Zur Betrachtung von z.B. Word-Dateien ist OfficeSuite vorinstalliert. Wer die Dateien bearbeiten will, kommt um das Upgrade auf die kostenpflichtige OfficeSuite Pro-Version nicht umhin.

Eines wird nach der ersten Stunde Kindle Fire sehr deutlich:
Er ist vollkommen darauf zugeschnitten, dass der Nutzer auf die Nutzung der Amazon Cloud zurückgreift. Seien es eBooks, Musikdateien oder eigene Dokumente oder Fotos.
Natürlich lassen sich die Dateien dann auch auf dem Gerät speichern. Aber Amazons Ansinnen, durch die konsequente Anbindung der Cloud auch die Anwender zur Nutzung zu bewegen und insgesamt all ihre Verkäufe über Amazon zu tätigen, ist schon deutlich spürbar. Was Bezos auch offen zugibt.

Der Kindle Fire ist ein Gerät für Amazon-Anwender. Wer das Unternehmen scheut, wird auch mit dem Fire nicht glücklich. Eventuell über "Jailbreak", aber dann würde ich ohnehin gleich zum Kauf eines anderen Android-Tablets raten.

_______

Fazit:
Insgesamt macht das Gerät einen sehr ordentlichen Eindruck. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Dafür fehlt der "Wow"-Faktor. Es ist eher das befriedigende Gefühl, einen vernünftigen Kauf getätigt zu haben. Ein gutes Gerät für einen günstigen Preis.

Kommentare:

  1. Vielen Dank erstmal für deinen Ersteindruck :).

    Dass Amazon seine Tablets fast wie eine Videospielkonsole handhabt - also günstige Preise mit der Absicht, hohe Gewinne durch Softwareabsatz zu machen - ist ja schon durch den günstigen Preis ersichtlich, wobei Amazon sogar, wenn ich mich recht entsinne, mit jedem Kindle Fire HD Verlust macht. Da ist es dann schon verständlich, dass die ganze Oberfläche einen zum Einkauf bei Amazon bewegen soll ;).

    Ich persönlich sehe mometan aber noch keinen Grund, sich ein Tablet zuzulegen; die Multimedia-Funktionen können mein Smartphone und mein Laptop, je nach Bedarf, genauso gut bewerkstelligen, und zum Lesen ist ein dedizierter eBook-Reader einfach vom Lesegefühl her um Welten besser.

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  2. Ich habe nach einem handlichen, kompakten Tablet gesucht, das nicht so überladen ist wie ein reines Adnroid-Tablet, sondern durch seine maßgeschneiderte Oberfläche auf die Kindle-/Amazon-Benutzung ausgerichtet ist.

    Aber das ist ja inzwischen das Schöne am Markt: es gibt unterschiedliche Geräte mit unterschiedlichen Features in verschiedenen Preisklassen. Das erlaubt es so langsam jedem, "sein" Lesegerät zu finden. :)

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