Dienstag, 23. Oktober 2012

Unterstützt euren Buchhändler vor Ort! Ja, welchen denn ...?


Die zunehmende Verbreitung des eBooks ist für den stationären Buchhandel eine Herausforderung, keine Frage.
Leser, die digital einkaufen, haben keinen (oder deutlich weniger) Grund, noch in eine Buchhandlung zu gehen. Autoren, die digital veröffentlichen, benötigen den Buchhandel nicht mehr als Verkaufs- und Vertriebsplattform.

Initiativen, den "Buchhändler vor Ort" zur Anlaufstelle für Einkäufe übers Internet sind zum einen ... ausbaufähig und gehen zum anderen für mich an der Realität vorbei. Der Ansatz von libreka, beim eBook-Kauf einen lokalen Buchhändler als - ja, was eigentlich? - Bezugsadresse anzugeben, löst bei mir eher Kopfschütteln aus.



Doch spielen wir Teufels Advokat und unterstützen unseren Buchhändler um die Ecke mit einem Link auf unserer Homepage oder in unserem Blog. Ein lebendiges Umfeld mit einer Vielfalt an kleinen Läden zeichnet einen Stadtteil oder einen Kiez aus. Und macht ihn lebenswerter.
Man profitiert also zumindest indirekt davon, auch wenn man persönlich keine Buchhandlung mehr aufsucht (ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal in einer Buchhandlung ein Buch gekauft habe; das ist Jahre her).

Also, suchen wir unseren Buchhandel. Und ab jetzt habe ich ein Problem.
Direkt südlich von mir liegt die Kantstraße. Dort gibt es zwei Buchhändler, nahe beieinander.
Einen für russische Literatur, einen für persische (die meisten Titel im Original). Direkt in meiner Straße auf dem Weg zur Fußgängerzone liegt eine kleine japanische Buchhandlung (eher thematisch, also auch mit vielen deutschsprachigen Titeln).
Das ist Berlin pur. Dafür liebe ich es auch, in meiner Ecke zu wohnen! Aber hilft das denen, wenn ich auf meiner Seite auf einen oder alle davon verlinke? Großartig Titel von mir hat zudem keiner im Sortiment. Verständlicherweise.

Aber gehen wir weiter. In der Wilmersdorfer Straße (der Fußgängerzone) nimmt Hugendubel an der Ecke drei Stockwerke mit Glasfassade ein. Ist das mein kleiner Buchhändler um die Ecke? Ehm, nein, eher nicht. Sehe ich mich genötigt, einen der Haifische im Buchhandelsteich zu unterstützen? Nein, wirklich nicht.
Gut, also ab mit mir in die Wilmersdorfer Arcaden, die Einkaufspassage. Im ersten Stock finden wir eine Thalia-Filiale. Eine aus der Retorte. Nett aufgemacht, Standardtitel, keine Auswahl, keine Beratung. Unterstützenswert? Wenn ich die Jahresbilanz von Thalia ansehe, ja. Aber den Barrakuda unter den Buchhändlern unterstützen, der selbst schon die übelsten Methoden angewendet hat, um kleine Buchhändler zu verdrängen? Wirklich nicht, bei aller Liebe zur namensgebenden Muse.
Im Untergeschoss findet sich eine Weltbild-Filiale. Selbes Bild, ist nicht. Nicht Weltbild. Die vertreten nicht eben meines.
Ja, oberhalb der Wilmersdorfer findet sich noch eine Buchhandlung, vor allem für Remittenden. Schön, aber Staubfänger stehen schon genug in meinem Regal.

So, und das war's in meinem mir bekannten Umfeld.
Südlich gibt es noch eine kleine, nette Buchhandlung, am Stuttgarter Platz, Hacker und Presting.
Aber das ist nicht mein Kiez. Wer berlinerisch denkt, weiß, was ich damit meine. Trotzdem, die wird hiermit verlinkt. Die Ecke ist eine der schönsten in Charlottenburg, der Bummel durch die Leonhardtstraße lohnt sich ohnehin.

Was will ich damit sagen? Das Bild des kleinen Buchhändlers um die Ecke, der einen mit Liebe zum Buch berät - es ist ein idealisiertes Idyll. Der Bestzustand. Den es mit Sicherheit noch gibt. Aber er ist keine Selbstverständlichkeit mehr.
Sieht man sich zudem den mitunter hysterisch anmutenden, emotional geprägten Umgang mit eBooks oder dem Online-Handel (und speziell Amazon) an, könnte einem der Glaube an eine kultivierte, belesene, erst denkende dann handelnde Branche etwas abhanden kommen.
Die Anzahl kleiner Buchhandlungen geht seit den 1990ern ständig zurück. Lange bevor es Amazon gab. Denen die aggressive Vorgehensweise der Buchhandelsketten wie Hugendubel, Thalia und Weltbild (ups, habe ich nicht just die alle bei mir?!) zugesetzt hat.
Dazu kommt ein geändertes Kundenverhalten. Wenn sie nicht schon ohnehin über das Internet ablaufen, verlegen sich immer mehr Einkäufe in Einkaufscenter oder Malls. In denen sich vor allem Handelsketten die Mieten leisten können, kaum ein kleiner Anbieter um die Ecke, sei er Buchhändler oder Goldschmied oder Konditor (Lokalkultur hört ja nicht beim Buch auf).

Will ich jetzt davon abraten, kleine Buchhändler zu unterstützen? Durch Einkäufe, durch Verlinkungen, durch Aktionen? Nein.
Aber das sichert nicht deren Bestehen. Der Markt und die Kunden und deren Konsumverhalten haben sich im Lauf der letzten zwanzig Jahre dramatisch verändert. Ohne, dass es der Buchbranche gelungen wäre, eine effektive Vorgehensweise zu entwickeln, wie man mit diesen Veränderungen umgeht. Und damit wird eine Branche - jede Branche - irgendwann von der Zeit überholt.
Hufschmiede gibt es heute noch. Stationäre Buchhändler wird es auch in fünfzig Jahren noch geben. Sie werden aber eher ein Relikt aus einer früheren Zeit sein. Gerne gesehen, nostalgisch geschätzt, aber nicht mehr wirklich maßgeblich für den Markt.

Wer den Buchhändler um die Ecke unterstützt, sollte sich bewusst machen, dass er das eher aus ideologischen/idealistischen Gründen tut. Nicht aus wirtschaftlichen.

Kommentare:

  1. Ein kleines Stück nach der Wilmersdorfer gibt's auch noch 'ne gut sortierte Krimibuchhandlung in deinem Kiez. Die verdient es unterstützt zu werden und hat auch Titel die es digital gar nicht gibt.

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    1. Danke für den Hinweis. In die Ecke komme ich kaum. Hier der Link: http://www.krimi-marple.de/

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