Dienstag, 16. Oktober 2012

KDP Select: Wie werde ich reich in fünf kostenlosen Tagen?


Antwort: gar nicht. So, das war jetzt mal ein kurzer Blogeintrag. Ich geh' jetzt wieder spielen. :-)
Worum es eigentlich geht? Um die Schnelligkeit, in der sich das Kindle Select-Feature auf dem deutschen Markt abnutzt.


KDP Select kam Ende 2011 auch für den deutschen Markt. Also vor nicht einmal einem Jahr. Es ist ein Feature, bei dem Autoren und (Klein)Verlage, die über Amazons KDP-Plattform veröffentlichen, fünf Tage lang ein eBook kostenlos anbieten können. Dafür binden sie sich für 90 Tage exklusiv an Amazon, erhalten aber ein Marketinginstrument, das sich anfangs bewährt hat und durchaus seinen Nutzen zeigte. Ich habe meine Erfahrungen zu meinem Krimi "EndstationBronx" ja hier zusammengefasst.

Seit Sommer nun beobachte ich einen schleichenden, aber anhaltenden Trend. Die kostenlosen Tage verzeichnen insgesamt weniger Downloads. Aber - und das ist die eigentliche unangenehme Feststellung - der Effekt für die Platzierung des Titels im kostenpflichtigen Ranking und damit für die Verkaufszahlen (je höher man steht, desto mehr verkauft man; es ist ein Selbstläufer in sich) lässt sehr stark nach.
Es gibt natürlich immer noch Titel, die sich häufig downloaden, gut platzieren und gut verkaufen. Doch sie sind inzwischen eher die Ausnahme von der Regel. Nach einem halben Dutzend Titeln und dem, was ich von anderen Autoren so mitbekomme, zeichnet sich hier ein nicht sehr ermutigendes Bild ab.
Select nutzt sich ab. Und das schnell.

Worin liegen die möglichen Ursachen?

Meiner Meinung nach wurde Select in Deutschland viel zu früh auf den Markt gebracht.
Als Select in den USA vorgestellt wurde, hatte der Kindle bereits ein breites Fundament: einen großen, lebendigen Markt mit einer großen Reichweite an Lesern und Bandbreite an Titeln. Um die 500.000. In Deutschland kommt man mit viel Wohlwollen auch Ende 2012 auf knapp 100.000 Titel (ich lasse mich gerne berichtigen). Das eBook war bei Amazon und seiner Leserschaft bereits etabliert.
Hiervon sind wir auf dem deutschen Markt immer noch weit entfernt. Die Verbreitung von eBooks nimmt auch hier eine rasante Entwicklung. Aber wir stehen immer noch eher in der Anfangsphase.
Es wurden also dieses Jahr von zu vielen Autoren zu viele kostenlose Titel für zu wenige Leser auf den Markt geworfen. Eine Sättigung des potenziellen Marktes ist so viel schneller erreicht. Wenn potenzielle Leser (das Zielpublikum) aber bereits durch das kostenlose Angebot ihren Bedarf stillen können, fehlt die Notwendigkeit und auch das Interesse, noch viel zu kaufen.
Je größer dieses Marktsegment ist (und damit die potenzielle Leserschaft), desto weniger macht sich das natürlich bemerkbar. Bei Krimi & Thriller sollten sich Select-Tage immer noch lohnen. Bei der Erotik ohnehin.

Ein weiterer Punkt ist die unterschiedliche Mentalität zwischen US-amerikanischen und deutschen Lesern.
Ein günstiges Angebot ist im Englischen ein "bargain", im Deutschen ein "Schnäppchen". Wenn zwei Begriffe das Gleiche bedeuten, bedeuten sie noch lange nicht dasselbe.
Bargains sind in den USA Teil des Buchgeschäfts. Es gibt keine Buchpreisbindung. Über den Endkundenpreis entscheidet der Händler, nicht der Verlag. *
Auch Bestseller werden teils deutlich günstiger angeboten als es die unverbindliche Preisempfehlung vorschlägt. US-Kunden sind Schnäppchen bei Buchtiteln gewohnt. Sie haben sie also auch bei eBooks wie selbstverständlich erwartet. Kostenlose eBooks waren da nur eine natürliche Erweiterung des Marktes. Und das Spielen mit den Preisen - heute Vollpreis, morgen kostenlos, übermorgen preisreduziert - gelebter Kaufalltag.
Im Land der Buchpreisbindung (jaaa, Deutschland ist nicht das einzige Land) ist solch eine Denkweise, ja, undenkbar. Bücher haben einen festen Preis. Punkt. Schnäppchen gibt's nur bei Remittenden. Also Titeln, die sonst keiner mehr will. Und plötzlich werden bei Amazon fortlaufend kostenlose eBooks angeboten. Tag für Tag aufs Neue. Natürlich greift man da zu.
Und sieht als Leser keinen großen Anreiz, zusätzlich eBooks zu kaufen. Vor allem, wenn es sich eher um unbekanntere Autoren handelt, bei denen der Impulskauf "Das will ich haben, und zwar jetzt!" eher selten eine ausschlagebende Rolle spielt.

 * (Apple hat mit dem Agency-Modell versucht, hier gegenzusteuern. Auch, um Amazon in die Parade zu fahren. Derzeit müssen Apple und fünf der sechs großen Buchverlage mit einer Klage des Justizministeriums wegen Preisabsprachen rechnen)

Wie soll man als Autor, der vorhat, von seiner Schreiberei ernsthaft zu leben - und, ja, das gibt es und, ja, das geht - mit der aktuellen Entwicklung umgehen?
Select hat sich als kostenloses, effektives Marketinginstrument präsentiert. Es hat sich nur viel schneller abgenutzt als erhofft. Doch es ist genau das, was gerade selbst publizierende Autoren brauchen. Denn wer (noch) nicht über das nötige Netzwerk verfügt, kommt nicht umhin, für seine Titel die Werbetrommel zu schlagen. Genau wie Verlage. Nur haben diese andere Möglichkeiten. Und andere Portokassen. Sie kaufen sich auf den Startseiten der eBook-Shops genauso ein wie im Buchladen. Ich kenne die Preise. Mir sind sie zu hoch.
Ist es Select nicht, muss ein anderes Instrument her. Die wenigsten Autoren können sich kostenintensive Kampagnen leisten. Kobo bietet inzwischen eine halbwegs vergleichbare Plattform für Self Publisher an. Aber Kobo ist nicht Amazon. beam erlaubt einem seit gut zehn Jahren das Einstellen kostenloser eBooks. Aber auch beam ist nicht Amazon. Xinxii & Co.? Äh, nein, wirklich nicht.

Es gibt die klassische Methode: Rezensionsexemplare verschicken (bei eBooks besonders günstig), Bewertungen in Shops erhalten, Hinweis auf anderen Plattformen, Interviews, Präsentationen. Mühsam nährt sich das schreibende Eichhörnchen.
Ich würde sie nicht außer Acht lassen. Sie macht Arbeit, sie kostet Zeit, aber sie kann sich - je nach Autor und Themenbereich - langfristig auszahlen.

Vielleicht können wir 2012 aber doch auch noch weitere Möglichkeiten nutzen. Ich suche selbst noch danach. Facebook und Twitter sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine eigene Social-Networking-Plattform nur für Self Publisher? Mit direkter Interaktion mit den Lesern? Etwas wie z.B. Lovelybooks, nur eben gezielter mit Möglichkeiten für die Autoren? Ein Multiblog für Self Publisher? Eine Rezensionsplattform gezielt für Self Publisher, selfpublisher-couch.de?

Das sind nur Ansätze. Select ist es meiner Einschätzung nach (derzeit) nicht. Nicht mehr. Reich werden in fünf Tagen, das ist nicht mehr so einfach …

Kommentare:

  1. Die Ausweitung der Kostenlos-Tage war schneller als die Ausweitung der Leserzahl. Und wenn noch so viele Leute beteuern (und ich glaub das durchaus), dass sie doch trotzdem mehr e-books kaufen als zuvor - oder überhaupt jetzt erst -, unterm Strich wiegt es nicht gegen den Kostenlos-Tsunami auf. Sowieso kann niemand mehr als 24 Stunden am Tag lesen; da schafft man nichtmal die Kostenlos-Angebote des Tages.
    Schlimmer finde ich aber eine andere Konsequenz: "Kostenlos" nährt den Glauben, e-books müssten spottbillig sein können. Auch wieder befördert von AutorInnen, die nach dem Aufbrauchen der Kostenlos-Tage mit Discount-Preisen gegen den Abstieg im Ranking ankämpfen. Paul Watzlawik hat das in seiner "Anleitung zum Unglücklichsein" als Methode des Mehr-desselben beschrieben.
    Du hast die klassische Methode à la "mühsam" angesprochen. Was es dafür aber braucht, sind Geduld und der Blick auf die langfristigen Perspektiven. Daran mangelt es offensichlich vielen; um schnell "reich" zu werden, schießen sie sich daher bereitwillig ins eigene Knie.

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  2. Ein zum Nachdenken anregender Beitrag. Das wichtigste Element des Erfolgs ist eine gute Geschichte. Leser wollen Geschichten, dafür zahlen sie. Das zweite wichtige Element ist die nächste gute Geschichte. Hat dem Leser das erste Buch des Autors gefallen, würde er das nächste Buch haben wollen von dem Autor. Erst an dritter Stelle kommt das Marketing. Hier ist Amazon zur Zeit unschlagbar, da Amazon die mit Abstand größte Reichweite in der Zielgruppe bietet. Wenn man als Autorenkollektiv selbst etwas macht in Richtung Marketing, müsste man Reichweite aufbauen, um überhaupt einen Effekt zu erzielen. Ein kombiniertes Blog mit Special-Aktionen etwa. - Gruß Frank

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  3. @ Annemarie: Kreative sich meist Impulsmenschen, geprägt vom Augenblick und dem momentanen Enthusiasmus. Man will den Erfolg am besten *jetzt gleich, sofort!* sehen. Durchbeißen und Durchhalten waren noch nie beliebte künstlerische Tugenden. ;-)

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  4. Ein aktueller Zustandsbericht zu KDP Select, letztes Wochenende. Ich betreue eine kleine Flotte von Romanen unterschiedl. Autoren. Select gehört seit Sommer zu den regelmäßig eingesetzten Marketinginstrumenten. Im Sommer funktionierte es gut. Danach immer schlechter. Letztes Wochenende überhaupt nicht mehr. Der Titel eines bewährten Autors war zwei Tage auf kostenlos, wurde mäßig runtergeladen und es hatte keinerlei (!) Effekt auf sonstige Romane des Autors oder auf Verkäufe nach dem Kostenloszeitraum. - Schlussfolgerung für mich: Titel kostenlos rauszuhauen, um Aufmerksamkeit zu erregen, funktioniert zur Zeit auf Amazon nicht. Vermutung: Da sind vor allem Sammler unterwegs, die alles, was kostenlos ist, runterladen, aber nicht lesen, oder erst nach Jahren ... Gruß Frank

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  5. Kann ich so nur bestätigen. Ich denke, Select greift wieder (eher), sobald der deutsche Markt einen neuen Schub erfährt, sprich: durch das Weihnachts- und Ostergeschäft, und der Markt an Kunden wächst.

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  6. Ich kann das ebenfalls nur bestätigen. Die Downloadzahlen sind immer noch ganz ordentlich, aber der "Nachklapp" hat nachgelassen. Sprich: Die echten Verkaufszahlen nach den Gratistagen.
    Im Moment wird KDP zugeschüttet mit grottenschlechten, unlesbaren Schrott-Ebooks, die den Kanal regelrecht verstopfen. Da hat der einzelne Titel es schwer ...
    Ich finde deinen Vorschlag, Thomas, sehr gut, über eine Plattform für Indie-Autoren nachzudenken, auf der auch eine gewisse Qualitätsregelung passiert. So was wie das Syndikat für Krimischreiber, DeLiA für LiebesromanautorInnen, einige der alten Autorenkollektiv-Verlag (gibt es da noch welche?).
    Lass uns mal rumspinnen ..

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  7. Ich kann mich nur anschließen, wenn es eine Plattform für Autoren gibt, komme ich da vorbei.
    Ich finde es ein wenig wie verhext, mein kürzlich rausgebrachtes Buch sorgt für wahnsinnig viel Begeisterung bei den Lesern, es gab ein paar Print und Web-Veröffentlichungen und auch das Radio war hier. Aber der Verkauf läuft meiner Meinung nach nur schleppend.Hätte ich doch mit einem Verlag zusammenarbeiten sollen, ist der klassische Buchhandel immer noch die Macht in Deutschland? Ich weiß es nicht, lerne jede Woche eine Menge Neues und bin wohl ein sich mühsam ernährendes Eichhörnchen - kurz vorm burnout. Ich bin sehr an einem konstruktiven Austausch interessiert. Gerne auch per Email: andi@boarderlines.info

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    1. Verlag? Nein.
      Das A und O ist das Gesehen werden. Wer gesehen wird, wird gekauft. Mal ganz brutal vereinfacht verkürzt.
      Das garantiert aber kein Verlag. Ich habe gute Autoren in etablierten Verlagen grandios scheitern erlebt, weil die Verlage nicht an die Autoren geglaubt bzw. nicht in sie investiert haben.

      Das Eichhörnchen, das sich mühsam ernährt, ist für unabhängige Autoren fast schon eine Art Wappentier. Manche haben Glück und schaffen es mit dem ersten Roman. Andere brauchen ein paar Jahre / ein paar Bände Anlauf.
      Durchbeißen. Die eigenen Ideen verfolgen. *Irgendwie* (ja, ich weiß, ganz ganz schwierig) seinen eigenen Namen ins Gespräch bringen.

      Das ist keine Garantie. Aber wenn man nicht an sich selbst glaubt, warum sollten es die Leser dann tun?
      Amazon bietet für Veröffentlichungen derzeit die einfachste Plattform. Für Promotion würde ich aber selbst auf solche "altbackenen" Medien wie lokale Zeitungen, etc. zurückgreifen.
      Es ist schon erstaunlich, wer alles an einem interessiert sein kann.

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