Montag, 28. Januar 2013

eBooks kostenlos abgeben? Denken wir mal darüber nach ...

2011 und 2012 habe ich durch meine eBook-Verkäufe fünfstelligen Umsatzzahlen erzielt.
Man sollte also meinen, ich hätte anderes zu tun, als mir über kostenlose eBooks meine Gedanken zu machen. eBooks sind inzwischen nicht mehr die Schmuddelkinder der Buchbranche, doch kostenlosen eBooks hängt nach wie vor etwas Amateurhaftes an.

Wer seine Arbeit kostenlos anbietet, verkauft sich unter Wert. Und macht anderen Autoren, die mit eBooks Geld verdienen wollen, das Leben nicht unbedingt leichter. Das ist ein nachvollziehbarer Standpunkt. Aber ist es zwingend der einzige? Oder der ratsamste?

Um eines klar zu stellen: Wenn ich hier über kostenlose eBooks spreche, dann über solche, die dauerhaft kostenlos sind. Nicht solche, die für Sonderaktionen oder im Rahmen von KDP Select kostenlos angeboten werden!
Nein, es geht hier tatsächlich um eBooks, bei denen sich der Autor dazu entschieden hat, sie dauerhaft kostenlos abzugeben. Und dennoch ein kommerzielles Ziel damit verfolgt.

Aha? Die eBooks sind kostenlos. Wie will man als Autor damit Geld verdienen?

Durch das, was man schreibt.

Um das zu verstehen, genügt es, drei Mantras für Autoren zu kombinieren und zu verinnerlichen.

  • Tim O'Reilly "Obscurity is a far greater threat to authors and creative artists than piracy"
  • J. A. Konrath et al: "Write, write, write!"
  • Seth Godin: "Books are souvenirs"
Oder auf Deutsch:
  • "Vergessen zu sein ist eine größere Gefahr für einen Autor, als raubkopiert zu werden"
  • "Schreibt, schreibt, schreibt!"
  • "Bücher sind Souvenirs"

Kostenlose eBooks sind gerade für Autoren von Belletristik ein effektives Mittel. Für solche, die vorhaben, vom Schreiben zu leben. Dauerhaft, über Jahrzehnte hinweg.
Autoren, die gerade mal ihr erstes Buch geschrieben haben und nicht wissen, wann oder ob ein zweites folgt, rate ich ganz deutlich davon ab, es auf Dauer(!) kostenlos anzubieten.

1) Ein kostenlos angebotenes eBook ermöglicht es einem Autor, sich schneller und einem breiteren Publikum bekannt zu machen, als es mit einem kostenpflichtig angebotenen möglich ist. Hier greife ich Tim O'Reillys Ansatz auf: bekannt zu sein ist das A und O.
Leser müssen auf einen aufmerksam werden. Gerade unbekannte(re)n Autoren gegenüber sind sie  zurückhaltend. Können sie einen Roman lesen, ohne etwas dafür bezahlen zu müssen, sinkt die Hemmschwelle (ob sie ihn wirklich lesen, steht auf einem anderen Blatt; wie bei jedem Buch als Weihnachtsgeschenk ...).
Gefällt ihnen, was sie lesen, werden viele von ihnen mehr von diesem Autor lesen wollen. Das ist einer der schönsten Aspekte beim Schreiben: Leser bauen eine emotionale Verbindung zu den Autoren auf, die ihnen gefallen.

Zwischen 2002 und 2007 habe ich meine Dschungelserie "Talon" mit 25 Episoden kostenlos angeboten. Zu einer Zeit, als eBooks scheintot waren und die meisten der heute aktiven Autoren noch nicht einmal bereit waren, über eBooks nachzudenken.
Diese 25 Episoden wurden insgesamt über 330.000 Mal heruntergeladen, im Durchschnitt hatte jede Episode also 13.200 Downloads. Eine Zahl die selbst viele Select-Autoren bei Amazon nicht erreichen.
Ich habe bis heute Leser, die mich auf die Episoden von damals ansprechen. Die fragen, wann es weiter geht. Kommerziell nutzen konnte ich den Erfolg seinerzeit nicht. Aber die Tatsache, dass ich manchen Lesern bis heute im Gedächtnis geblieben bin, ist unschätzbar für jedes weitere meiner Projekte.

2) Hier greift die Kernaussage aller, die vom Schreiben leben wollen: Schreibt!
Wenn ein Leser am "Köder" des kostenlosen Romans angebissen hat, will er mehr lesen. Also sollte dieses "mehr" am besten bereits online sein, wenn der kostenlose Roman verfügbar ist. Gerade Genre- und Serienautoren profitieren davon.
Als Krimi-Autor einen seiner Romane kostenlos zu stellen, kann sich genauso sehr lohnen, wie als Serienautor den ersten Band einer Serie kostenlos anzubieten. Wichtig ist in beiden Fällen: es muss bereits weiteres Material verfügbar sein. Viele Leser sind Spontan- oder Impulskäufer. Will ich im Supermarkt eine Tafel Schokolade, interessiert es mich auch nicht, ob morgen wieder welche geliefert wird.
Das heißt natürlich, dass man eventuell erst einmal zwei, drei Romane geschrieben haben muss, diese eher unentdeckt veröffentlicht und dann erst durch einen kostenlosen den Schritt wagt, sich bekannter zu machen.

3) Nun kommt ein Umstand, mit dem sich viele nicht (mehr) beschäftigen, seitdem sie sich auf eBooks verlegt haben.
Bei all dem Boom am eBook-Markt machen Bücher und Taschenbücher nach wie vor über 95% des Marktanteils in Deutschland aus, höchstwahrscheinlich noch 98%. Wer sich alleine auf eBooks konzentriert, verschenkt den größten Teil seines potenziellen Marktes.
Ganz klar: es ist ungleich schwerer (und teurer), sich mit gedruckten Büchern durchzusetzen als mit eBooks. Dennoch ist es noch um Jahre verfrüht, sich ausschließlich auf digitale Publikationen zu verlegen. Vor allem, wenn man nicht zu den wenigen glücklichen Self Publishern gehört, die sich als eBook-Bestseller platziert haben.

Noch entscheidender ist, dass Bücher nach wie vor eine emotionale Erfahrung sind. Und hier greift Seth Godins Ausspruch, dass Bücher Souvenirs sind. Bücher, wohlgemerkt. Nicht eBooks.
Bücher haben für Leser einen Wert, sowohl materiell wie immateriell. Man stellt sie sich ins Regal. Nicht, um sie unbedingt zu lesen. Sondern um sich durch einen Blick darauf an den Inhalt zu erinnern. Oder in die Hand zu nehmen und durchzublättern. Sie sind wie die literarische Postkarte, die man sich selbst zuschickt, um sich an einen Urlaub zu erinnern.

Diese Qualität haben eBooks nicht. Sie werden sie nie haben können, aufgrund ihres Mediums. Bei Hunderten von eBooks auf einem einzigen Lesegerät sticht keines mehr für sich selbst hervor.
eBooks sind aber ein hervorragender Werbeträger, um einen Kunden zum Kauf dieses "Souvenirs Buch" zu bewegen. Umso mehr, wenn sie kostenlos angeboten werden.
Aber auch hier gilt: das Buch sollte natürlich schon verfügbar sein, wenn das entsprechende eBook kostenlos angeboten wird.


Fazit: Wer eBooks kostenlos einsetzen will, sollte dies ganz zielgerichtet als Marketinginstrument. Das aber kann nur funktionieren, wenn interessierten Lesern weiteres Material angeboten wird, seien es
  • weitere kostenpflichtige  eBooks, dann am effektivsten aus demselben Genre und/oder demselben Protagonisten
  • Produkte rund um das eBook, sei es eine gedruckte Ausgabe, ein Hörbuch, sogar klassisches Merchandising wie T-Shirts oder Tassen

Kommentare:

  1. Hallo Thomas,

    guter Post. Ich gebe dir bei den ersten beiden Punkten Recht, auch wenn Konrath mittlerweile sagt, Werbung sei unnötig, nur die Geschichte zählt (kann man gut sagen, wenn man so bekannt ist wie er).
    Im dritten Punkt widerspreche ich energisch. Ich habe vor ein paar Tagen den historischen Punkt erreicht, an dem die Anzahl der E-Books auf meinem Handy die Anzahl meiner Bücher im Bücherschrank überschritten hat. Ich bin zwar Autor, aber auch Vielleser und die Souvenirfunktion von Büchern halte ich aus meiner persönlichen Sicht für nostalgischen Unfug. Wie viele Lieder aus unserer CD-Sammlung versetzen uns in eine bestimmte Stimmung, wie viele Songs oder Filme erinnern uns an tolle Augenblicke? Und wie oft kramst du die CD oder DVD raus, schaust sie dir an und erinnerst dich an die Situationen, in denen sie Bedeutung hatten? Ich denke mal, das passiert nicht. Ein Buch muss man lesen, um diese Bedeutung wieder hervorzaubern zu können, eine CD muss man hören, einen Film sehen. Es geht um die Geschichte. Und ehrlich: mein Lieblingsbuch lese ich auf Handy, eReader, PC, oder in Papierform gleich gerne. VG Kirk

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    1. Ob ein Buch als Souvenir funktioniert, kann nur jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe manche Sammlungen von eBooks über Paperbacks bis hin zum limitierten Buch in mehreren Varianten.
      Würde man mich fragen, welche ich davon auf eine einsame Insel mitnähme, dann die gebundene Sammler-Edition. Durchweg. Weil sie einen materiellen Wert besitzt und die handwerkliche Arbeit darin zu sehen ist.

      Papier hat durch seine warme Oberfläche zudem eine andere Haptik als eine kalte CD- oder DVD-Hülle aus Plastik. Und, nicht lachen, meine ältesten CDs aus den 1980ern krame ich ab und an tatsächlich hervor, um mich an die Zeiten zu erinnern, in denen ich sie gekauft habe. Das wird mir bei einer MP3-Datei nie passieren ...

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  2. Hallo Thomas,

    Ich finde die Idee, bei Serien und Fortsetzungsromanen das erste Buch kostenlos abzugeben prima. So kann man erstmal testen,ob die "Chemie" stimmt.Wenn das der Fall ist,gebe ich dann gerne Geld aus,um weiterlesen zu können!Allerdings muss es dann wirklich so sein,daß wenigstens zwei bis drei weitere Bücher zeitnah verfügbar sind.Den richtigen Abstand muss man als Autor halt herausfinden.Schließlich soll die Spannung auf die Fortsetzung erhalten bleiben und sich nicht irgendwann verlieren. Dabei kann ein größerer Zeitraum zwischen dem Erschienen von zwei Büchern dazu animieren, den ersten Band nochmal zu lesen bevor man den zweiten anfängt.
    Die Meinung von Thomas zu Punkt 3 kann ich nicht teilen.
    Ich habe einen Reader und auch "analoge" Bücher.Beide Arten finde ich gleich wichtig.
    Ich habe noch Kinder-und Jugendbücher, die ich sogar jetzt noch ab und zu raushole und durchblättere oder auch lese.Diese Bücher gibts wohl sowieso nicht als Ebook und ich möchte die auch direkt in der Hand haben.
    Auch sieht ein volles Bücherregal doch viel besser aus,als ein Reader auf dem Tisch!
    Viele Grüße und viel Erfolg, Frank!

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