Sonntag, 10. März 2013

Kostenlose eBooks und Amazon - eine Krise in der Beziehung?

Kostenlose eBooks waren auf Amazon seit Einführung seines Select-Programms eine Selbstverständlichkeit. Und ein gerne genutztes Marketinginstrument für Self Publisher. Wer als unabhängiger Autor sein eBook exklusiv für 90 Tage bei Amazon anbietet, erhält dafür fünf Tage, in denen er den Titel kostenlos anbieten kann.
Und Kunden wissen, dass sie täglich aus einer Vielzahl kostenloser Titel auswählen können. Selten von bekannten Autoren. Aber durch Select haben es doch ein paar unbekannte Namen zu einer gewissen Popularität gebracht (und mit den Folgeverkäufen auch zu einem guten Einkommen).


Ich habe selbst über meine positiven und negativen Erfahrungen mit dem Select-Programm hier im Blog gesprochen.
Mir ist dabei eine Selbstverständlichkeit (es ist eine) sehr schnell bewusst geworden. Amazon setzt Select nicht ein, um den Autoren etwas Gutes zu tun. Sondern um sich selbst mit exklusiven, kostenlosen Titeln gegenüber der Konkurrenz besser zu platzieren.
Wer gewisse Romane oder Autoren will, bekommt diese eben nur bei Amazon. Und wer bei Amazon lesen will, braucht einen Kindle oder eine Kindle App.
Im Zuge dieser Exklusivität sind dann auch Seiten entstanden, die vor allem auf die neuen kostenlosen Select-Titel hingewiesen haben. In Deutschland ist das vor allem xtme.

Das war in 2012 eine verlässliche Konstellation. Es hat nur den Anschein, als ob Amazon seit dem 1. März 2013 etwas andere Wege beschreitet.
Seiten, die auf kostenlose eBooks verweisen, wurden mit neuen Richtlinien konfrontiert. Dazu muss man wissen, dass eigentlich all diese Seiten auch Mitglied im Amazons Partnerprogram PartnerNet sind: hat sich ein Leser nach dem kostenlosen eBook noch weitere Artikel bei Amazon gekauft, verdienen diese Seiten prozentual daran mit.
Das ist legitim und eigentlich auch im Sinne von Amazon.

Oder wohl doch nicht mehr so ganz.
Die neuen Richtlinien besagen, dass pro Monat nicht mehr als 20.000 kostenlose eBooks über solch eine Partnerseite heruntergeladen werden dürfen und nicht mehr als 80% aller über diese Links auf Amazon heruntergeladenen eBooks kostenlos sind.
Sobald diese Grenzen überschritten sind, zahlt Amazon nichts mehr aus. Nicht mal anteilig. Sondern gar nichts. Für diesen Monat.
Das wird viele dieser Seiten hart treffen, denn genau davon haben sie gelebt. Die (hohen) Zugriffszahlen entstanden ja erst durch die Attraktivität, für die User so viele kostenlose Titel wie möglich vorstellen und verlinken zu können.

Das alleine hat mich etwas verwundert. Denn dieser Traffic müsste eigentlich im Sinne Amazons sein.
Heute ist mir durch Zufall etwas ausgefallen, das etwas mehr Licht ins Dunkel bringt: Die Bestseller-Seiten bei Amazon.

Bis Ende Februar sahen die Bestsellerseiten für die Kategorien folgendermaßen aus:
Links standen 20 kostenpflichtige Titel in einer Reihe, rechts (bis zu) 20 kostenlose. Gleichberechtigt. Und für jeden Kunden sofort erkennbar.
Seit März wiederum werden nur die kostenpflichtigen Titel direkt angezeigt. Wer die kostenlosen eBooks sehen will, muss auf einen Reiter klicken und eine neue Seite aufrufen.

Amazon verfolgt eine neu ausgerichtete (nur allzu nachvollziehbare) Strategie:
Kunden sollen dazu angehalten werden, ihr Augenmerk auf die kostenpflichtigen Titel zu lenken. Daher sollen die Seiten, die auf kostenlose eBooks verweisen, "trockengelegt" werden (es soll einfach finanziell unattraktiv sein, auf kostenlose eBooks zu verlinken). Und den Kunden auf Amazon werden augenfällig die besten kostenpflichtigen Titel platziert.
Für die kostenlosen gilt: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das ist kein Schnitt mit der Sense. Amazon weiß sehr wohl um die Attraktivität der kostenlosen eBooks. Aber Amazon selbst rückt ihre Bedeutung wortwörtlich in den Hintergrund, in die zweite Reihe.
Wie schon gesagt, das ist alles sehr nachvollziehbar.
Amazon hat über Jahre hinweg Geld in sein eBook-Programm gesteckt und tut das bis heute. In den USA Bestseller unter Verkaufspreis angeboten (bei uns durch Buchpreisbindung nicht möglich) und den Preis der Kindle-Geräte so kalkuliert, dass nicht die Hardware, sondern der Lesestoff, den Verdienst erwirtschaftet.
Content sells. Geld macht man mit den Inhalten. Andere Branchen handhaben das nicht anders. Geld macht man - gerade als Shop - auf Dauer aber nicht mit kostenlosen Inhalten. Das weiß auch Jeff Bezos.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, wie sich das auf das Select-Programm von Amazon auswirkt.
Wird es das Programm einstellen? Das dürfte unwahrscheinlich sein. Zumindest kurz- oder mittelfristig. Aber klar ist auch: je weniger Amazon die kostenlosen eBooks selbst promotet - und sie gehören (bis auf die Klassiker) fast alle zum Select-Programm -, desto unattraktiver wird es für Self Publisher, die über KDP Select gehen.

Zum Jahreswechsel 2012/13 wurde u.a. in einem Artikel vom Literaturcafé vermutet, dass Amazon die Self Publisher wohl nicht mehr in gewohntem Maße promoten wird.
Ich habe das bezweifelt. Zieht man aber die Abwertung im Ranking (um nichts anderes handelt es sich bei dem veränderten Algorithmus), die neuen Bedingungen für Partnerseiten und die optische Umgestaltung auf Amazon selbst an, stelle ich mir die Frage, oder der Artikel nicht doch recht hat.

Self Publisher werden auf Amazon nach wie vor ein Zuhause haben. Ein besseres wohl als in jedem anderen großen Shop. Aber es muss sich zeigen, wie wohl man sich in diesem Zuhause 2013 noch fühlen wird.

Kommentare:

  1. Sonntag, 10. März, 20:00 Uhr
    Bestseller in Kindle eBooks
    Ich sehe links die Top 100 und in einer rechten Spalte unmittelbar daneben die Top 100 gratis. Also klassicher Zustand.

    Vielleicht war es nur ein Test, den Amazon durchgeführt hat. Vielleicht kommt die beschriebene Ausführung mit dem Klick auf einen Reiter wieder. Und?

    Es bleibt sicher nicht alles so, wie es jetzt ist. Wir leben (schon immer) in einer sich verändernden Welt, und "wir" sollten nicht bei jeder Änderung Böses unterstellen oder oder nur auf unsere eigene Nase sehen.

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    1. Auf meinem PC habe ich die neue Optik, auf meinem Tablet noch die alte. Das ist nicht ungewöhnlich bei Amazon, dass wir zwei, drei Layoutvarianten je nach Leseumgebung haben.

      Ich unterstelle Amazon auch nichts "Böses" bei dieser Entscheidung, sondern wohlüberlegte Argumente. Solch eine Änderung nimmt man nicht aus Designgründen vor.

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  2. Hallo Thomas,
    was Du beschreibst, ist mir auch schon aufgefallen, allerdings nur in den Abendstunden - leg' mich jetzt nicht fest, aber ich sage mal: ab 20 Uhr. Da werden in den Bestsellerlisten tatsächlich nur die kostenpflichtigen Titel angezeigt. Morgens ist die Teilung wieder verschwunden. Was das nun bedeuten soll, ob nach 20 Uhr die meisten Verkäufe getätigt werden und deshalb die kostenlosen Titel "aus dem Regal genommen werden", weiß Amazon allein.
    LG,
    Barbara

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    1. Interessante Beobachtung, ich verfolge das mal. Check jetzt um 12 Uhr: die neue Optik mit kostenlosen in einem extra Tab.

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  3. Hallo,
    vielen Dank für den interessanten Beitrag! Ich habe noch eine Frage zu den Plattformen, auf denen man ein kostenloses eBook bewerben kann. Im Beitrag steht "In Deutschland ist das vor allem xtme". Gibt es noch andere?
    MfG
    Anette


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    1. Es gibt noch ein paar, auf denen kostenlose Titel gelistet werden. Aber mir ist keine bekannt (vor allem mit der Reichweite), die ähnlich viel nutzen dürfte.

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