Montag, 11. März 2013

Kostenlose eBooks und Amazon - noch ein paar Gedanken

Der Beitrag "Kostenlose eBooks und Amazon - eine Krise in der Beziehung?" war eine Analyse. Was ich in diesem Beitrag mache, ist eine Extrapolation.
Man nimmt alle zur Verfügung stehenden Fakten, Daten und Analysen und schätzt die Entwicklung ab.
Gestern ging es um die kurz- und mittelfristige Prognose, dies hier ist eine langfristige. Und sie ist ernüchternd. Für Autoren wie für Verlage gleichermaßen. Den Buchhandel ohnehin.

Jeff Bezos ist ein Visionär.
Anders als alle anderen Online-Shop-Betreiber, die sich an eBooks versuchen, verfolgt er mit Amazon und dem Kindle ein Gesamtkonzept. Für ihn sind sie nicht nur ein weiteres Marktsegment. Sein Konzept geht weit über eBooks hinaus. Das Ziel ist eine Neugestaltung der US-amerikanischen Buchbranche.


(Einschub: Vieles, was ich hier bespreche, betrifft uns noch oder gar nicht. Der deutsche eBook-Markt ist für Amazon schlicht zu klein, um von entscheidender Konsequenz zu sein. Tut mir leid. Ist so.)

Amazon ist seit 2009 nicht mehr nur Online-Shop, sondern auch Verleger.
Inzwischen hat Amazon sechs Verlags-Imprints. Das muss man wissen, um Bezos' Konzept zu verstehen. Es sind:
  • Amazon Encore
  • Amazon Crossing
  • Montlake Romance
  • Thomas & Mercer
  • 47North
  • New Harvest

(Quelle: Wikipedia US)

Amazon tritt inzwischen an erfolgreiche Self Publisher heran, um ihnen Verträge für seine Imprints anzubieten. Allen Autorenblogs nach, die ich verfolge, mit deutlich besseren Konditionen als bei einem herkömmlichen Publikumsverlag.
Gleichzeitig kümmert sich Amazon Crossing dann noch direkt um die internationale Vermarktung.

Bisher macht Amazon das mit den erfolgreichen Self Publishern. Zu denen in den USA aber auch schon mehrere Midlist-Autoren gehören, die sich bereits zuvor in ihren Genres bei anderen Verlagen einen Namen gemacht haben und ihre freigewordenen Titel nun über KDP selbst anbieten.

Bisher.

Was mache ich, wenn ich einen ganz großen Fisch angeln will? Ich benutze mehrere kleine als Köder.
Amazon verfolgte mit KDP und Select nie das Ziel, einer Unzahl unbekannter Autoren eine Plattform zu bieten.
Amazons Ziel sind die Bestseller-Autoren. Die A-List.
Diese bekommt man aber nicht einfach so. Man muss ihnen etwas bieten und sie überzeugen. Langfristig. Überzeugen, ihren bisherigen Verlagspartner aufzugeben. Und zwar vor allem durch Verkaufszahlen und Einnahmen.

KDP und Select sollen zeigen, dass Autoren mit dem "Amazon way of eBooks" Geld verdienen können. Sehr viel mehr Geld als mit herkömmlichen Verlagsverträgen.
Der Einstieg waren unbekannte Autoren, die plötzlich Geld verdienten (die ganz kleinen Fische). Darauf sind die oftmals von ihren Bedingungen (zurecht) frustrierten Midlist-Autoren aufmerksam geworden (die größeren Fische). Diese bloggen über ihre Erfolge. Und verdienen über Amazon mitunter inzwischen Hunderttausende Dollar pro Jahr (der US-Markt hat nach wie vor eine ganz andere Dimension als der europäische).
Das erreicht noch nicht die siebenstelligen Vorschüsse, die Bestseller-Autoren erhalten. Aber es kommt schon nahe hin.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Bestseller-Autor beschließt, zu Amazon zu gehen. Und zwar nicht zu Amazon, dem Shop - sondern zu Amazon, dem Verlag.
Und wenn einer kommt, kommen weitere. Vor allem, wenn die Konditionen stimmen.

Und das ist das langfristige Ziel. Den "Big Six" (den großen US-Verlagen) ihre Bestseller-Autoren abspenstig zu machen, um sie mit besseren Konditionen an seine eigene Verlags-Imprints zu binden.
Dieses Portfolio ergänzt um gut verdienende Midlist-Autoren und den einen oder anderen Überflieger aus dem KDP-Pool.
Der Rest der Autoren ist - entsprechend Amazons Sortimentsstruktur - der "Long Tail", der Amazon durch die Masse Geld einbringt (warum sollte man darauf auch verzichten?), dem einzelnen (eher unbekannten) Autor aber auch nicht wirklich viel bringt.

Wo ist das Problem? Autoren verdienen bei Amazon mehr Geld. Ist doch schön!

Wenn man sich auf Dauer an Amazon binden will, geht das völlig in Ordnung. Wenn man eine Struktur haben will, in der Amazon der größte Verleger und der größte Online-Shop ist und (das steht noch an, aber Bezos plant) zudem eine eigene Ladenkette betreibt und dazu eigene Versandstationen.
Man darf sich nur dann nicht wundern, wenn die Alternativen deutlich weniger werden. Die zudem schwächer aufgestellt sind. Oder Amazon beginnt (nein, "beginnt" ist das falsche Wort, es lässt ja bereits seine Muskeln spielen), seine Marktmacht frei auszuleben und Bedingungen zu diktieren.

Gegenüber all seinen Partnern - und das heißt auch, gegenüber seinen Autoren.
Wer bis dahin genügend verdient hat, um auf Amazon verzichten zu können, Glückwunsch (ehrlich gemeint)! Wirklich profitieren werden davon nur die allerwenigsten. Allen anderen empfehle ich eine Strickweste für die dann aufkommende Kälte.

Oh, um es noch einmal zu betonen. Das alles ist nur eine Hypothese. Ähnlichkeiten zu tatsächlich stattfindenden Ereignissen wären rein zufällig.

Kommentare:

  1. Ich bin's, der von gestern.

    "Man darf sich nur dann nicht wundern, wenn die Alternativen deutlich weniger werden. Die zudem schwächer aufgestellt sind. Oder Amazon beginnt (nein, "beginnt" ist das falsche Wort, es lässt ja bereits seine Muskeln spielen), seine Marktmacht frei auszuleben und Bedingungen zu diktieren."

    Der Absatz erinnert mich fatal an die Begründung für die Buchpreisbindung, die in D heilig ist, weil sie angeblich dieses und jenes zum Überleben verhilft. In Wahrheit sind deshalb - aus meiner Sicht - die kleinen Buchhandlungen am Sterben, denn in den Einkaufszentren gibt es keine kleinen unabhängigen Buchhandlungen. Was ich dort finde, sind Hugendubel und Weltbild, in den Innenstädten die anderen großen Ketten.

    Jetzt also die Angst vor dem Amazon-Diktat, weil Amazon Kraft seiner Marktmacht die anderen aus dem Markt drängt.

    Dabei sind diese Weltuntergangsszenarien regelmäßig an der Wirklichkeit gescheitert. Es gab mal eine Großen im Internet-Geschäft, der hieß Compuserve und war marktbeherrschend. Dann kam AOL. Adnn Yahoo, dem einmal die Hälfte des Internet gehört hat (es merkte bloß keiner). Dazwischen liegt irgendwo Microsoft. Und Google, das mit eigenem Betriebssystem, Smartphone, Tablet PC, Suchmaschine und Ökosystem eine scheinbare Macht ausübt, der man scheinbar ausgeliefert ist. Ach ja, und Amazon.

    Ich sehe hier eine Neigung zum Tunnelblick. Die Geschichte lehrt, dass es niemals einen alles Beherrschenden gegeben hat, der nicht in kürzester Zeit an seiner Allmacht zugrunde gegangen ist (deshalb die Erwähnung von CS und AOL). Amazon wird immer nur ein Stück vom Kuchen sein, weil dem zum einen die Sprachbarriere entgegen steht, zum zweiten die Konkurrenz auch nicht schläft. Hatte ich Google schon genannt?

    Die tolino-Connection möchte ich gar nicht erwähnen, weil sie ein rein deutsches Produkt ist und aus drei Partnern besteht (Weltbild/Hugendubel, Adobe als DRM-Besitzer und die Telekom als Cloud-Provider).

    Ich sehe zunehmend mehr Alternativen, nicht weniger, die "freie Marktmacht" ist für mich sowieso eine Sprechblase, und überall dort, wo jemand Bedingungen diktieren will, schafft er die Voraussetzungen für die interne Revolution.

    In jedem Fall freue ich mich über unsere gelegentliche Diskussion, Herr Knip. Daumen hoch für Ihr Blog!

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    1. Sorry, war ein paar Tage nicht da (Keller ausmisten - bildlich wie wörtlich).

      Was soll ich groß dazu schreiben? Ich stimme dummerweise ja soweit überein. :-)
      Sollte Amazon sein Ziel erreichen, wird es scheitern. Jeff Bezos ist wie Kapitän Ahab auf der Suche nach dem weißen Wal. Sobald er ihn erlegt hat, wird er daran zugrunde gehen.
      Aber bis dahin wird er (Ahab) einige mit in den Tod gerissen haben.

      Ich analysiere. Sollte ich beurteilen bzw. beurteilend auftreten, bitte ich das zu entschuldigen.
      Hat Amazons Weg Erfolg, kann ich schön daran mitverdienen. Hat er langfristig doch keinen Erfolg, habe ich meine Alternativen an der Hand.

      Ganz pragmatisch: Amazon ist ein Werkzeug. Setzt man es als solches ein, profitiert man davon. Man darf sich nur nie von (s)einem Werkzeug abhängig machen.

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  2. Darf man hier auch nach einem Jahreshorrorskop (Schreibweise ist Absicht) fragen?
    Denn diese Prognose wird gerade erschreckende Realität. Wobei mich eine erneute Prognose für den Buchmarkt gerade reizen würde, unabhängig von möglichen Gesetzesänderungen etc.

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    1. Da muss ich in keine Kristallkugel schauen. :)
      Es werden weiter Läden geschlossen, wobei die großen Ketten mehr Probleme haben werden als die kleinen Einzelhändler.
      Der Anteil von gedruckten Büchern wird auch die nächsten fünf Jahre bei über 90 % liegen, und Self-Publishing wird nach wie vor vor allem ein digitales Phänomen sein und im Buchhandel kaum stattfinden.

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