Dienstag, 25. Juni 2013

99-Cent-eBooks oder 1-Cent-Hardcover - was zerstört den Markt?

Ein wichtiger Aspekt vorab: ich schreibe diesen Beitrag als Leser, nicht als Autor oder Verleger!
Es geht mir nicht um die Preisgestaltung einzelner Anbieter, sondern um die Preisstruktur insgesamt auf dem Buchmarkt, aber vor allem (wie so oft) speziell bei Amazon.

Vor ein paar Tagen stellte Matthias Matting in seiner Self-Publisher-Bibel (die ich inzwischen auch eher selbst lese, als hier zu schreiben, *hüstel*) eine Autorin vor, die bewusst ihre eBooks für 99 Cent anbietet und sich damit hoch im Ranking bei Amazon platziert.
Er schließt mit der Frage, ob eBooks für 99 Cent den Markt kaputt machen.


Der Gedanke dahinter kommt nicht von ungefähr.
Sieht man sich die Preise aktueller Paperbacks und noch mehr aktueller Hardcover an, ist ein Preis von 99 Cent eine Aussage. Sieht man sich an, für welchen Preis diese gedruckten Ausgaben dann von Verlagen als eBooks angeboten werden, liegen immer noch Welten (sprich: mehrere Euros) zwischen deren Preissegment und den 99 Cent vieler Self Publisher.

Die eBook-Promotionseite xtme hat ihr Angebot inzwischen verlagert, von kostenlosen Titel zu 99-Cemt-Angeboten hin.
Und das hat meinen Blick deutlich verändert.
Ich gehe die Tagestipp nun sehr selektiv und kritisch durch. Was ich mir früher kostenlos mal heruntergeladen hätte, muss nun meine 99 Cent wert sein. Und das sind in der Woche maximal zwei, drei Titel.
Ruiniert die Preisgestaltung mit 99 Cent in diesem Fall den Markt? Im Gegenteil. Ich kaufe dadurch wieder bewusster und überlegter ein. Ist es mir die 99 Cent nicht wert, wären es 2,99 oder mehr schon dreimal nicht.

Ebenso wenig tun Self Publisher sich und anderen) einen Gefallen, wenn sie den Preis ihres eBooks dauerhaft auf 99 Cent setzen, ohne sich groß Gedanken darüber gemacht zu haben oder es in der Hoffnung tun, der niedrige Preise werde den Erfolg schon richten.
Ganz kurz: es braucht dank Amazons Auszahlungsmodus schon sehr, sehr viele Verkäufe, um substanziell etwas zu verdienen. Das kann sich bei 33 Cent pro Verkauf jeder ausrechnen. Und nur die wenigstens SP-Titel selbst in  populären Genres schaffen vier- oder gar fünfstellige Verkaufszahlen.

Wenn das selbst SP-Autoren tun, die sich inzwischen einen Namen gemacht haben, entsteht bei den Lesern allerdings auch eine Erwartungshaltung.
Wenn ich fast schon einplanen kann, dass ich früher oder später eine 2,99 oder 3,99-Ausgabe für 99 Cent erhalte, dann kann ich auch warten. So wichtig ist kein Roman (und derzeit noch kein deutscher SP-Autor, 'tschuldigt), dass ich ihn zum ja eigentlich günstigen Vollpreis kaufen muss.

Das kann den Markt tatsächlich kaputtmachen - allerdings den der Self Publisher  Verlage hält das nicht davon ab, ihre aktuellen Bestseller wie den neuesten Dan Brown im hohen zweistelligen Preissegment anzusetzen und ganz weit oben im Ranking zu platzieren.

Und hier sehen wir das Problem, mit dem sich etablierte Verlage konfrontiert sehen: der gebrauchten Buchausgabe.
Dan Browns aktueller Roman "Inferno" kostet 26,- Euro. Gebraucht erhält man ihn bei Amazon bereits für 16,95. Für neun Euro weniger. In gerade einmal einem Monat.
Und es geht weiter.
Dan Browns "Meteor" von 2003? Als Paperback bei Amazon für 5 Cent zu haben.
Dan Browns "Sakrileg? Geht für 11 Cent über die virtuelle Ladentheke.

Den kann man sich kaufen, liest ihn durch, verkauft oder verschenkt ihn weiter. Oder wirft ihn ins Altpapier. Bei etwas für ein paar Cent kann man das verschmerzen. Da ist das Kulturgut Buch als Wegwerfartikel vorprogrammiert.
Das ist kein Markt, das ist eine Resteverwertung.

Eine bizarre Entwicklung dabei stelle ich an meinem eigenen Such- und Kaufverhalten ein: interessiert mich ein eBook eines Publikumverlags, schaue ich erst mal nach, für welchen Preis ich die gedruckte Ausgabe erhalte. Und kaufe seit kurzen wieder verstärkt Paperbacks. Gebrauchte, selbstverständlich. Sie sind oftmals deutlich günstiger als die eBook-Version.
Warum Geld in teure eBooks stecken? Das ist allerdings ein Ansatz, der wohl nicht im Sinne des Erfinders war. Wohl nicht einmal in dem von Jeff Bezos.

Natürlich gibt es einen Gebrauchthandel mit Büchern, seitdem es Bücher gibt. Erst recht seit dem 20. Jahrhundert. Buchantiquariate selbst sind schon wieder eine kulturelle Bereicherung einer Innenstadt.
Aber gerade durch Amazon wurde es möglich, (gut erhaltene und absolut sammelwürdige!) Hardcover und Paperbacks im drastischsten Fall für einen popligen Cent zu erhalten (plus die obligatorischen 3 Euro Versandkosten). Ich habe so einen alten Roman des SF-Autors Hanns Kneifel ergattern können. Saubere Buchausgabe, wundervoll erhalten. 1 Cent.

Das ist natürlich keine Entscheidung der Verlage. Anders als bei den 99 Cent, die ein Self Publisherfestsetzt.
Aber unter dem Strich bleibt erhalten, dass "der Markt" Belletristik  zum Schleuderpreis raushaut. Zudem verlieren die meisten gedruckten Ausgaben fortlaufend an Wert, je länger sie auf dem Markt sind, bis hin zur Remittierung.
Ich habe schon limitierte Buchausgaben für 1 Euro auf dem Wühltisch in einem Bonner Kaufhaus vor ein paar Jahren erstanden. Dazu brauchte es nicht einmal Amazon.

Dagegen sind die Preise für eBooks ja fast schon beständig. Die 99 Cent nimmt einem erst einmal keiner. Es sei denn, Amazon führt (wie geplant) seinen Handel mit gebrauchten eBooks ein. Dann wird es noch einmal richtig lustig.
Für den Markt. Für Verlage. Und für Self Publisher.

Kommentare:

  1. Ich denke, dass dieser Markt so neu ist und sich noch lange nicht 'setzen' wird, dass Prognosen schwer sind.
    Aber ich stimme zu, dass eine permanente Preiserwartung beim Kunden von unter 1 Euro, auf Dauer schlecht ist.
    Das ist in etwa das Gleiche, wenn sich eine Hausfrau bei einem Texter-Portal darüber freut, dass sie für knapp 2 Stunden schreiben 10 Euro bekommt. Während 'echte' Texter dafür keine halbe Stunde arbeiten können, nicht wenn sie davon leben wollen.
    Wir, als Autoren, müssen wohl sehen, wo sich das ganze hinentwickelt und dabei ständig auf Zack sein, um den Anschluss nicht zu verpassen.

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    1. Ja, klagen und den Wert der eigenen Arbeit anmahnen, das wird leider nicht funktionieren bzw. die wenigsten interessieren.
      Es wird von SP noch mehr abverlangen, offensive Promoter ihrer Selbst zu werden.

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  2. Gesättigte Märkte sind immer als kaputt anzusehen. Was nicht heißt, dass nicht Millionenumsätze generiert werden.
    Es ist eine Frage der Perspektive: Schaffen Bedürfnisse einen Markt oder generiert der Markt Bedürfnisse? Ersteres verschafft Zufriedenheit, letzteres Nöte.

    Ich versuch das mal begütigent: Wenn ich nicht von der Zufriedenheit anderer leben kann, sollte ich für die Zufriedenheit trotzdem dankbar sein und nicht nach Tricks suchen. 99 Cent sind so ein Trick: Für so einen Preis kann man auch mal in`s Klo greifen - Hauptsache viele tun das! Besser kann man sich eigentlich nicht selber entwerten. Als Käufer und als Verkäufer.

    oder anders: Früher war ein Dilettant jemand, der stolz darauf war, trotz höchster Fertigkeit nicht von dieser leben zu müssen und auch nicht zu wollen und hat verachtend auf den Profi geschaut, der sich verkaufen muss und eben immer marktfähig. Heute schaut der Profi verachtend auf den Dilettanten, weil der keinen Markt-Preis hat.
    Rilke hat einem Eleven mal angeraten, doch ein halbes Jahr mit Disziplin auf jedwede Schreiberei zu verzichten. Gelänge ihm dies - wäre die Schreiberei sowieso kein Metier für ihn gewesen.

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  3. Zu den Gebrauchtbüchern auf Amazon: Im Marketplace sind Verkäufer offenbar gezwungen, 3 Euro Versandkosten für ein Buch zu berechnen. Da eine Büchersendung innerhalb Deutschlands nur einen Euro kostet, bleiben bei den meisten Büchern zwei Euro zusätzlich zum Verkaufspreis übrig.

    Kleiner Haken an der Sache: Die Provision beim Amazon-Partnerprogramm berechnet sich nach dem Verkaufspreis, die Versandkosten zählen nicht. Neulich hat jemand über irgendeinen Link auf meinen Seiten ein gebrauchtes Buch für einen Cent gekauft, dafür habe ich dann null Cent Provision bekommen...

    (Ich habe den obigen Beitrag bei meinen aktuellen Links und Lesetipps empfohlen.)

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