Dienstag, 23. Juli 2013

Schade, dass eBooks nicht ausverkauft sein können

Das eBook weist gegenüber dem gedruckten Buch einen grundsätzlichen Unterschied auf: es gibt keine vorgegebene Auflage. Das heißt, es kann nie ausverkauft sein, es muss nie nachgedruckt werden, Kunden können (prinzipiell) immer und überall auf einen Titel zugreifen.

Das ist ein Unterschied. Aber ist es auch ein Vorteil?


Die Frage mag auf den ersten Blick seltsam anmuten.
Natürlich gilt es als ein Vorteil, vielleicht sogar als der entscheidende. Kritiker werfen Medienunternehmen vor, durch Auflagenhöhen - sei es für Musik, Filme oder Bücher - eine künstliche Verknappung herbeizuführen. Und damit als Inhaber der Nutzungsrechte darüber bestimmen zu können, wann, in welcher Menge oder ob eine bestimmte Ressource an Unterhaltung oder Wissen verfügbar sein kann. Und vor allem, zu welchem Preis.

Dies führe nicht nur zu einer Entmündigung der Künstler, sondern auch zu einer Bevormundung der Konsumenten.
Digitale Medien würden hierzu eine Befreiung darstellen.
Sie lassen sich unabhängig von der Entscheidung des Rechteinhabers frei vervielfältigen und somit der Gemeinschaft stets in ausreichender „Menge“ zu Verfügung stellen.

An dem politischen Diskurs über diese Einstellung möchte ich mich an dieser Stelle nicht beteiligen. Mir geht es ganz pragmatisch als Leser, Autor und Verleger um die Frage der bislang knappen bzw. verknappten „Ressource Unterhaltung“.

Ein Titel, der nie ausverkauft sein kann, behält grundsätzlich seinen Platz im virtuellen Verkaufsregal.
Das tut er, wie Dutzende andere. Wie Hunderte andere. Wie Tausende andere. Wie Hunderttausende andere. Wie Millionen andere. Es kommen fortlaufend neue Titel nach. Von Verlagen wie von Self Publishern. Aber es verschwindet nichts mehr aus den virtuellen Regalen. Egal, ob der Titel seine Qualitäten hat oder nicht. Egal, ob er ein Bestseller ist oder sich in den letzten zwei Jahren vielleicht gerade fünf Mal verkauft hat.

Stellen wir uns die Situation in einem Buchladen vor.
Ehm, nein, das eben geht nicht. Die begrenzte Regalfläche macht diese Situation im Printbereich unmöglich. Für alles, was an neuen Titeln nachkommt, müssen zwangsläufig ältere Titel im Regal weichen. Der Wahrscheinlichkeit und Händlerlogik nach vor allem die, die sich bisher nicht oder nur wenig verkauft haben.

Es kann als grundsätzlich nur eine bestimmte Menge Titel zur selben Zeit präsentiert werden und die Aufmerksamkeit der Kunden erzielen.
Und ich frage mich inzwischen, ob das tatsächlich ein Nachteil ist.

Denn mit jedem neuen Titel schwindet im virtuellen Regal die Übersicht. Aus dem demokratischen Platz jedes einzelnen Titels wird ein immer kleiner werdender Platz - im Bewusstsein der Leser.
In den zwanzig oder fünfzig Titeln im Eingangsbereich einer Buchhandlung findet man sich schnell zurecht. In den vielleicht hundert Titeln einer Kategorie auch noch. Selbst in den vielleicht fünftausend bis zwanzigtausend einer gesamten Ladenfläche.
Aber wie bitte soll man sich in den aktuell über zwei Millionen eBooks bei Amazon noch zurechtfinden? Aus denen - da ja nichts mehr zwingend aussortiert wird - zweieinhalb, drei und mehr Millionen Titel werden. Die alle und ständig um die Gunst der Leser buhlen.

Um sich in diesem immer größer werdenden Dschungel zurechtzufinden, müssen sich Leser orientieren. Und sie werden sich an dem orientieren, was sie aus dem Buchhandel bzw. aus ihrem gesamten Alltag kennen: an dem, was ihnen augenfällig, leicht und zugänglich präsentiert wird.
Und das sind die Bestsellerlisten oder Einstiegsseiten jeder Kategorie. Je größer das Sortiment an verfügbaren eBook-Titeln wird, desto zwingend wichtiger wird es, sich in diesem begrenzten Bereich zu platzieren.

Das eBook mag unbegrenzt verfügbar sein. Etwas anderes ist es nicht: die Aufmerksamkeit und die Zeit des Lesers.

Stellen wir uns vor, der eBook-Shop von z.B. Amazon sei ein Ladengeschäft.
Es gibt einen Eingangsbereich mit auffallend platzierten Tischen, einer kunstvoll aufgeschichteten Pyramide eines einzigen (erhofften) Bestsellers und wenigen hervorgehobenen Regalen mit weiteren (hoffnungsfrohen) Bestsellern. Das kennen wir aus jeder Buchhandlung.
Dahinter aber tut sich eine Untiefe auf. Kilometer um Kilometer von Bücherregalen erstrecken sich in endlosen Kolonnen von Kategoriengängen. Von unserem Standort am Eingang können wir das hintere Ende nicht einmal erahnen. Wir wünschen uns eine Busverbindung herbei und wissen doch, dass wir die Strecke zu Fuß ablaufen müssen, wollten wir uns einen Überblick über alle Titel verschaffen.

Wer würde das in einem Ladengeschäft machen?
Die meisten werden abwinken und sich auf den kleinen, übersichtlichen Bereich im Eingang konzentrieren. Und auf die zwei, drei Regale zu ihrem Lieblingsgenre. Die bitte schnell erreichbar sein sollten.
Selbst Kundenbewertungen, diese kleinen, strahlenden Sterne, die die Dämmerung der Regalmeter erhellen, sind auf Dauer kein Wegweiser. Je mehr eBooks gleichzeitig verfügbar sind, desto mehr Sterne wird es geben. Und mit zunehmender Zahl verblasst die Leuchtkraft jedes einzelnen.

Das eBook mag nicht mehr unter der künstlichen Knappheit einer Auflagenhöhe leiden. Dafür wird es zunehmend unter einer Überbevölkerung seiner Selbst leiden.
Wem der Sprung in die Erste Welt der Bestseller nicht gelingt - und diese Erste Welt war und ist sehr verknappt - wird zusehen müssen, wie er sein Dasein in den nicht so privilegierten Bereichen fristen kann.*

Was wäre eine Lösung, um die zunehmende Zahl an eBook-Titeln überschaubar, das heißt bewältigbar, zu halten?

Eine künstliche Verknappung.

Online-Shops sollten - wie jeder stationäre Buchhändler - so vernünftig sein und schlecht laufende Titel (mindestens vorübergehend) aus dem Sortiment nehmen. Das mag undenkbar oder unerhört klingen, würde aber vor allem der Orientierung jener helfen, die wir eigentlich erreichen wollen: den Lesern.
Und auf die sollten wir achten. Nicht auf unsere Befindlichkeiten.

Ein Titel, der sich weniger als einmal im Monat verkauft, würde nach Ablauf eines Jahres aus dem Shop genommen, nur mal als Beispiel. Das wären also weniger als zwölf Verkäufe in einem Jahr.
Würde man einem Autor damit also wirtschaftlichen Schaden zufügen? Nein, nicht wirklich. Seinem Selbstbewusstsein? Natürlich. Aber das dürfte durch die geringen Verkäufe ohnehin schon eine Schramme abbekommen haben.

Würde man den Autor aber damit aus dem Bewusstsein möglicher Leser ausklammern? Überhaupt nicht.
Ein Autor hat nach wie vor die Möglichkeit, sich selbst und seine Titel über seine eigene Seite anzubieten oder in sozialen Netzwerken und Foren vorzustellen. Sogar kostenpflichtig, in einem eigenen kleinen Shop.

Die ständige Verfügbarkeit jedes Titels führt zu dessen (unterbewussten) Entwertung.
Menschen sind ihrem Wesen nach nach wie vor Jäger und Sammler. Was digitale Medien und gerade auch eBooks betrifft, entwickeln wir uns zu bequemen Ansammlern, vor allem an kostenlosen oder günstigen Titeln. Und horten sie, ohne sie vielleicht jemals zu lesen.
Der Jagdinstinkt allerdings geht uns dabei inzwischen ab. Wir sehen keine Veranlassung mehr, uns als Kunden und Leser noch um irgendeinen Titel zu bemühen oder auf ihn zu konzentrieren. Er ist ja verfügbar und rund um die Uhr nur einen Mausklick entfernt.
Warum kommen mir nur gerade die Worte „träge“ und „dekadent“ in den Sinn?

Im Augenblick entscheiden sich Shops, auf Masse zu setzen. Je mehr Titel, desto besser. Dieses Bewusstsein ist nicht selbstverständlich. Genauso gut könnte auch ein Online-Shop mit seinen unendlichen Regalmeter auf Klasse setzen, statt auf Masse.
So gerne der „Long Tail“ beschworen wird, der Rattenschwanz an wenigen Verkäufen, die sich zwar nicht für den einzelnen Autor, aber für den Shop, rechnen – so sehr sollte auch ein Shopbetreiber überlegen, ob er wirklich immer alles verkaufen will.
Nicht einmal ein Discounter oder 1-Euro-Laden handelt so.

Das wäre sogar für stationäre Buchhandlungen ein mögliches Geschäftsmodell für die Zukunft.
Nicht mit Hunderttausenden von Titeln im eigenen Online-Shop aufzuwarten und damit zu einem zweitklassigen Amazon zu werden, sondern mit einer Auswahl an Titeln, die man aufgrund seiner beruflichen Erfahrung Kunden vorbehaltlos empfehlen kann.
Etablierte Verlagsautoren wie unbekannte Self Publisher.
Verkauft sich ein Titel nicht, nimmt man ihn aus dem virtuellen Sortiment. Fragen Kunden nach (ja, ich rede hier von einer ganz anderen Online-Shop-Kultur), aktiviert man ihn wieder mit einem Mausklick.

Es gibt keinen zwingenden Grund, warum alle eBooks immer und überall verfügbar sein müssen. Es täte ihnen - und ihrer Aufmerksamkeit bei Lesern - vielleicht ganz gut, wenn sie es nicht wären.


*Ähnlichkeiten zu real existierenden Menschheiten sind in diesem Zusammenhang rein zufällig.

Kommentare:

  1. Das Aussortieren von Bücher in Buchhandlungen als logistischer Akt hat ja neben der Übersichtlichkeit auch noch einen entscheidenden Vorteil: Bücher konnten so zu Raritäten werden.

    Wenn man sich vor Augen hält, dass die Verkäuflichkeit eines Buches zuerst einmal nichts über seine literarische Qualität aussagt, kann man verstehen, dass es für viele Leser (wie auch für mich), manchmal fast ein Sport war, rare Bücher von durch Seltenheitswert interessant gewordener Autoren zu finden. Und stolz im Regal zu haben, nachdem sie gelesen wurden.
    Manche Bücher wurden ja überhaupt erst zu Rennern, nachdem sie zuerst einmal zu Raritäten wurden.
    Das geht bei eBooks, so, wie es jetzt gehandhabt wird, natürlich nicht. Ein eBook kann nie eine Rarität werden.

    Liebe Grüße,
    Peter Nathschläger

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  2. Naja, die Argumentationslinie hingt ein wenig, wie ich finde. In einem Buchladen kann ich auch nicht mit einem Klick alle Regale ausblenden, die mich nicht interessieren. Ich kann nicht nach Metainformationen suchen. Ich bekomme keine Empfehlungen aufgrund meiner vergangenen Käufe. Kurz gesagt, meine Filtermöglichkeiten sind im digitalen viel Mächtiger. In der "analogen" Buchwelt muss ich mich auf die Vorauswahl der Buchhändler verlassen.
    Auch das immer wieder aufgeführte Argument des "Jagd/Erlegen"-Erlebnis von seltenen Büchern dient in erster Linie dem Ego des Einzelnen. Aber ein Ebook ist kein Buch. Warum sollte ich eine SpecialEdition in limitierter Auflage mit einem Ebook vergleichen. Es gibt Menschen denen ist es schnurz, die haben keine Zeit vor dem Netz zu sitzen und vergriffenen Bücher zu "jagen".
    Ich kann für mich selbst entscheiden, filtern und eine Auswahl treffen und das möchte ich auch. Ich bin sehr froh das ich heute die Wahl habe mir einfach ein ebook schnell zu laden und keine fantasie Preise auf Ebay oder sonst wo ausgeben muss nur um ein Buch zu lesen. Auch der eine Kunde im Monat möchte lesen und nicht auf Grund einer künstlichen Verknappung ausen vor sein.

    einLeser

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    1. Für "Metainformationen" und "Empfehlungen" gibt es die bewährt analoge Buchhändlerin. ;) Wenn sie ihren Job richtig beherrscht.

      Anders als bei gedruckten Büchern wäre die Verknappung bei eBooks zudem flexibel. Warum sollte ein Shop einen Titel aus dem Sortiment nehmen, der gekauft wird?
      Mir sind zudem bei eBay (oder Amazon) in den letzten Jahren - außer für wirkliche Sammlerstücke - keine Fantasiepreise mehr untergekommen. Die meisten Titel werden dort gebraucht zu Niedrigpreisen verramscht.

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  3. Ralf Schuchardt25. Juli 2013 um 01:56

    Ich denke, das "große" Buchangebot bei eBooks kann nicht mit den Regalen eines Buchhändlers verglichen werden, sondern eher mit dem Verzeichnis lieferbarer Bücher. Jeder Buchhändler hat das VLB in der Hinterhand, wenn ein Kunde mal etwas spezielles sucht.
    Niemand "blättert" im VLB, genauso wie niemand durch die Backlisten der eBooks blättert. Insofern spielt es für die Bücher "vorne" im Laden auch keine Rolle, wenn Bücher aus der Backlist fliegen, sie werden dadurch nicht sichtbarer. Man verärgert nur seine Kunden, wenn diese nach einem Buch suchen und nichts finden, obwohl es existiert.
    Ich verstehe auch die Argumentation nicht: was stört es einen Autor, welches seiner Bücher ein Leser haben will? Hauptsache ist doch, er verdient am Verkauf. Außerdem funktioniert die Verknappung doch nur, wenn "die anderen" ihre Bücher rausnehmen, so dass "meine" Bücher mehr Platz bekommen.

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