Mittwoch, 28. Januar 2015

eBook, was ist dein Preis?

Als direkte Ergänzung zu meinem Artikel "Warum sich Heftromane als eBooks kaum lohnen" in meinem Autorenblog hier eine allgemeine Sicht auf Preisentscheidungen.
Die Frage in diesem Artikel beschäftigt sich nicht mit der Debatte darüber, ob eBooks zu günstig oder zu teuer sind. Ob 99 Cent zu wenig oder 9,99 Euro zu viel sind. Sondern damit, sich bei seiner Preisgestaltung vernünftig und realistisch zu überlegen, was möglich und was vertretbar ist. Und was notwendig ist.

Ich gehe dabei von AutorInnen aus, die vom Schreiben leben wollen. Nicht unbedingt ausschließlich, aber doch so, um einen großen Teil des Einkommens davon zu bestreiten.
Anders wird man nicht kostenorientiert kalkulieren. Wer aus Spaß an der Freude schreibt oder einen Lebensgefährten hat, der einen Großteil der Kosten übernimmt, hat ganz andere Voraussetzungen (und daran ist auch überhaupt nichts verkehrt).

Der zeitliche Aufwand
Selbst wenn einen die Muse küsst, schreibt sich ein Roman (oder auch ein Sachbuch) nicht über Nacht. In dieser Zeit fallen Kosten an, für Miete, Strom, Versicherungen, Lebenshaltungskosten, etc.
Das sind alles Kosten, die durch das eBook refinanziert werden müssen - und hoffentlich auch werden. Wie hoch diese Kosten sind, unterscheidet sich natürlich von Autor zu Autor und den Lebensumständen.

Die finanziellen Vorleistungen
Diese lassen sich konkret benennen, von denen wird man nicht überrascht. Kosten für Lektorat, Korrektorat, Cover, Formatierung oder Werbung. Wie viel man hier investiert, kann nur jeder Autor pro Projekt selbst errechnen.

Das sind die Kosten, die anfallen, bevor der Roman erschienen ist und sich auch nur einziges Exemplar - digital oder gedruckt - davon verkauft hat.
Wenn man vernünftig ist - nein, es ist kein schöner Anblick - hat man diese Kosten und Auslagen fest im Blick. Denn nun geht es darum, sie wieder hereinzuwirtschaften. Und das geht natürlich vor allem über Verkäufe (Lesungen oder Merchandising lasse ich dabei außen vor).

Jetzt kommen die Gretchenfragen: Wie viel Geld ist nötig, um meine Ausgaben zu erwirtschaften? Wie viele Verkäufe benötige ich dafür und wie viele sind realistisch?

Diese Frage nach den "realistisch zu erwartenden Verkaufszahlen", die ist es, die alle umtreibt - Verleger wie Self-Publisher. An ihnen misst sich der kommerzielle Erfolg oder Misserfolg eines Titels.

Diese Frage hängt vor allem von einem ab: dem Genre.

Kenne dein Genre und kenne deine Leser, und es fällt dir sehr viel leichter, eine realistische Verkaufszahl zu ermitteln.
In der Erotik z.B. lassen sich andere Preise festlegen als in der Romantik. Geht es um das Preis-Leistungs-Verhältnis, müsste man jeder Romantik-Autorin raten, "handfeste" Sachen zu schreiben. Dafür ist die Romantik aber ein deutlich größeres Genre mit einer viel größeren Bandbreite an Inhalten und damit auch Lesern.
Selbst mit niedrigeren Preisen lassen sich also im besten Fall größere Umsätze erzielen, weil mehr Leserinnen zugreifen (die fünfzig grauen Schattierungen sind insgesamt gesehen eher eine Ausnahmeerscheinung).

Ich bin auf die Frage vor allem durch meinen neuesten Roman gekommen - "Der Pakt der Nacht", meinen ersten Urban Fantasy-Roman.
Die letzten drei Romane waren in der Science-Fiction beheimatet. Das ist seit ein paar Jahren eher mein Kern-Genre (wobei ich mich in der SF, bei der Fantasy und im Horror gleichermaßen zu Hause fühle). Ich kann die Größe der Kernleserschaft abschätzen, ebenso die Vorlieben bei Sub-Genres und weiß, was Leser bereit sind, zu zahlen.
Für einen Roman von knapp über 300.000 Zeichen als eBook 3,99 anzusetzen, war nicht zu hoch gegriffen. Kleinverlage verlangen für ihre Taschenbücher häufig mehr, selbst für die eBook-Fassung. SF-Leser sind bereit, mehr Geld auszugeben, da große Verlage das Genre kaum noch pflegen, und Kleinauflagen üblicherweise teurer sind.

In der Urban Fantasy sieht das gleich ganz anders aus.
Gerade auch, weil hier sehr viele Self-Publisher neben großen Verlagen vertreten sind und sich ein anderes Preisgefüge etabliert hat. Während ich mit 3,99 in der Science-Fiction solide erschwinglich bin, bin ich es in der Urban Fantasy als Self-Publisher nicht mehr unbedingt. Vor allem mit einem Roman von 392.000 Zeichen.

Ich habe hier als Autor nur zwei Optionen - passe ich mich dem Preisgefüge an und versuche damit, konkurrenzfähig zu sein (preislich, wohlgemerkt), oder entscheide ich mich dazu, einen Preis zu wählen, den ich bei dem Aufwand und den Auslagen, die ich hatte, für gerechtfertigt halte?

Ich habe mich für den zweiten Schritt entschieden und gehe bewusst das Risiko ein, das es bedeutet, als Mann ohne etablierten Autorennamen einen Urban Fantasy-Roman auf ein weibliches Publikum ausgerichtet zu schreiben, und dabei nicht am unteren Ende der Preisskala anzusetzen.
Ich weiß nicht, wie sich die Verkäufe entwickeln werden. Ich weiß auch nicht, wie groß der Unterschied sein wird, nur wegen eines einzigen Euros (3,99 statt 2,99). Ich kann nicht abschätzen, wie sehr sich der - wiederum konkurrenzfähige - Preis von 9,95 für die Taschenbuchausgabe auf eine Entscheidung beim eBook-Kauf auswirken wird.

Ich weiß nur, wie viel ich verdienen muss, um alle Kosten zu erwirtschaften. Und wie viele Verkäufe ich dafür benötige, vor allem realistisch abschätzbare.
Natürlich könnte ich das eBook auch zu einem Kampfpreis von 99 Cent anbieten. Dann zahlt mir Amazon 35 Cent pro Verkauf aus. Verkaufe ich es hingegen für 3,99, erhalte ich 2,30 (ich runde etwas ab, wegen Amazon "Portogebühr").

Für ein eBook zu 3,99 müsste ich also knapp sieben eBooks für 99 Cent verkaufen.

Rein netto stehen hinter "Der Pakt der Nacht" Unkosten in Höhe von 4.500 Euro: Lebenshaltungskosten, Lektorat, Werbung, etc.

Das heißt, bei einem Verkaufspreis von 99 Cent müsste sich das eBook 12.858 Mal verkaufen, bei einem Verkaufspreis von 3,99 Euro hingegen noch 1.957 Mal. Auch noch eine beachtliche Zahl, die bei Weitem nicht jeder Verlagstitel erreicht (bei 2,99 wären es 2.572 Verkäufe, das nur der Vollständigkeit halber).

Die 12.858 Verkäufe sind möglich, ja. Irgendwie. Aber sind sie in meiner Position auch realistisch?
1.957 Verkäufe sind hingegen deutlich leichter zu erreichen, ohne dass das eBook mit 3,99 damit wirklich teuer wäre. Es ist immer noch knapp sechs Euro günstiger als das Taschenbuch.
Selbst wenn mir von den 12.858 benötigten Kunden 10.000 abspringen, weil ich es nicht mit 99 Cent bepreise, der Rest aber doch zugreift, würde ich mit 3,99 ca. 2.000 Euro mehr verdienen, als hätten sie alle für 99 Cent zugegriffen.

Wer nicht von Bestseller-Verkäufen ausgeht, muss mit realistischen Zahlen rechnen. Um seine Kosten reinzuholen und vom Schreiben mehr oder minder leben zu können.
(Ich konzentriere mich bewusst auf die Belletristik. Bei Sachbüchern verhält es sich wiederum ganz anders, da man hier von vornherein für eine thematisch klar umrissene Zielgruppe schreibt und gedruckte Sachbücher im Verhältnis zur Seitenzahl ohnehin meist deutlich höher bepreist sind als Romane. Hier sollte man also selbstbewusst und nicht preisbewusst vorgehen.)

Dazu gehört natürlich auch die "Haltbarkeit" von Titeln.
Anders als Verlage, die ihre Unkosten für einen gedruckten Roman meist nach sechs Monaten, spätestens nach einem Jahr, wieder erwirtschaftet sehen wollen, bevor sie ihn womöglich als Misserfolg aussortieren und verramschen, haben Self-Publisher wortwörtlich ein Leben lang Zeit, ihr Geld wieder einzuspielen.

Es ist nur eine Frage, wie man die Zeit überbrückt, bis das Geld wieder reinkommt (bzw. falls, aber denken wir mal optimistisch). Wer auf eine Backlist zurückgreifen kann, tut sich als Autor hier deutlich leichter als ein Autor, der alles erst noch schreiben muss.

Wichtig ist:
Meines Erachtens nach sollte man einen Preis stets so gestalten, dass zumindest die Chance besteht, alle Ausgaben wieder zu erwirtschaften. Niemand anderes da draußen zahlt einem die Miete. Weder die Shops mit ihrem Preisgefüge noch alle übrigen Autoren mit ihren jeweils eigenen, individuellen Herangehensweisen.

Verkauft sich der Roman besser als gedacht - wunderbar.
Dann ist wenigstens die Finanzierung des nächsten gesichert. Und es ist immer geschickter, mit einem Aktions-Preisnachlass gezielt neues Interesse zu wecken, als den Preis später anzuheben, um doch noch irgendwie auf sein Geld zu kommen ...

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