Mittwoch, 11. März 2015

Tolino öffnet sich Self-Publishern - was nun?

Die Tolino-Allianz tut pünktlich zur Leipziger Buchmesse einen überfälligen, aber doch überraschenden Schritt und öffnet sich nun auch Self-Publishern.
Unter der Adresse tolino-media.de können sich Interessierte für einen Newsletter anmelden bzw. direkt unter diesem Link ihre Daten für weitere Informationen eingeben.

Wie geht man mit diesem Angebot aber nun um?

Die letzten vier Jahre war der Markt ziemlich eindeutig aufgeteilt. Wer über Amazon das Meiste herausholen wollte, nutzte KDP und am besten noch exklusiv Select (und seit Herbst 2014 auch die Flatrate Kindle Unlimited).
Daneben konnte man noch Kobo und beam direkt beliefern (beide mit einer eher, nun, überschaubaren Reichweite) und Apple iTunes (aber nur als Mac-Nutzer).

Wer die großen deutschen Shops beliefern wollte, musste dies über einen Distributor oder Aggregator tun. Seien es solche, die aus Communitys erwachsen sind wie Neobooks oder Xinxii oder reine Vertriebe wie Bookwire oder Kontor New Media.
Diese Dienstleistung lassen sich Vertriebe natürlich honorieren, mit unterschiedlich hohen Prozentanteilen.

Jetzt, mit Tolino Media, braucht man einen Vertrieb ja nicht mehr, richtig?
Ganz so einfach ist es nicht.

Wer bisher ausschließlich Amazon oder oben genannte Shops direkt beliefert hat, kann bedenkenlos nun auch Tolino nutzen. Was spricht dagegen? Man kann die Reichweite deutlich erhöhen, die Konditionen klingen fair (auch wenn die 70 % vorerst bis 31. Januar 2016 ein gewisses Stirnrunzeln hinterlassen), und Tolino verlangt keine Exklusivität.

Was ist aber mit Self-Publishern, die bereits einen Distributor nutzen? Sollten die so einfach kündigen und wechseln?

Ich würde eher abwarten.

Geschäftsbeziehungen wachsen, wie zwischenmenschliche auch. Und sie beruhen - wie im privaten Bereich - auf Vertrauen und einem produktiven Miteinander.
Dieses nur wegen ein paar Prozentpunkten mehr aufgeben? Wirklich?
Ich habe bei meinem Distributor eine persönliche Ansprechpartnerin, mit der ich per Du bin und die ich schätze. Und bei der ich mich gut aufgehoben fühle. Dieser persönliche Kontakt ist mir die 10-20 % weniger Einnahmen wert.
Ich habe jemanden, den ich fragen kann, den ich bei Problemen um eine rasche Lösung bitten kann und mit dem ich eventuell auch Vorgehensweisen durchsprechen kann.

Das alles bekommt man nicht vor hier auf jetzt. So etwas wächst im Lauf der Zeit.
Und ich freue mich, falls bzw. hoffe, dass Tolino Media diesen persönlichen Umgang auch etablieren wird. (Wer Mails aus Textbausteinen vom Amazon Support kennt, weiß, wovon ich spreche ...).

Wer mit seinem Distributor wiederum unzufrieden ist, dem rate ich ganz klar zu einem Wechsel. Keine Frage.

Wie sehr wird sich dieser Schritt von Tolino aber essentiell auswirken?
Das muss sich zeigen.

Die Tolino-Shops haben inzwischen in Deutschland mindestens dieselbe Reichweite wie Amazon, eventuell sogar mehr, mit etwas über 40 %.
An potenzieller Reichweite, wohlgemerkt. Wer wie ich seit Jahren über einen Distributor an so viele Shops wie möglich ausliefert, kennt anhand seiner Verkaufszahlen den Unterschied zwischen potenzieller Reichweite und erreichter Kundschaft nur allzu gut ...

Mit Reichweite alleine ist es nicht getan.
Es steht und fällt alles mit der Sichtbarkeit der eigenen Romane. Wie viel wird Tolino effektiv leisten, um Self-Publishern mehr zu bieten als den reinen Zugang (denn den bekomme ich ja bereits über Distributoren)? Ermöglichen sie Promotion-Aktionen? Vielleicht sogar in persönlicher Betreuung? Geben sie Self-Publishern ein eigenes Schaufenster?

Hier muss sich Tolino Media im Alltagstest behaupten.
Sind die deutsche Shops tatsächlich schon so weit, sich aus ihrem über Jahrzehnte gewachsenen Beziehungsgeflecht aus Verlagen, Grossisten und (Online-)Buchhändlern zu lösen, um unbefangen und (ja, Modewort) proaktiv mit unabhängigen Autoren umzugehen?

Ich hoffe es, und ich wünsche es mir.
Aber ich erlaube mir, das erst einmal abwartend aus der Distanz zu beobachten. Und bleibe bis dahin bei meinem Distributor.
Zudem dieser eben auch an Apple ausliefert - was ich als Windows-Nutzer nach wie vor zu schätzen weiß.

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