Mittwoch, 1. Juli 2015

Kindle Unlimited pro Seite? Amazon, das war zu kurz gedacht.

Seit dem 1. Juli gilt ein neues Berechnungsmodell für Ausleihen über Amazons Flatrate Kindle Unlimited.
Bisher wurde nach ausgeliehener Kopie (von der mindestens zehn Prozent gelesen sein mussten) in einer Pauschale bezahlt - unabhängig davon, wie umfangreich das eBook war.

Was sehr schnell zu verständlicher Kritik führte.
Wer einen langen Roman schrieb, wurde mit demselben Betrag entgolten wie ein Autor, der eine Kurzgeschichte schrieb. Oder wie ein findiger Autor, der seinen langen Roman eben in kleine Stücke  und nicht unbedingt lesefreundlich unterteilte.

Das ist nicht wirklich gerecht.
Also bezahlt Amazon nun nach gelesener Seite. Das klingt auf den ersten Blick doch sehr vernünftig. Wer mehr schreibt (und gelesen wird), erhält auch mehr.

Ja, es klingt gut ...

... wenn man ausschließlich an belletristische Romane denkt.

Amazons Verrechnung nach gelesener Seite enthält einen großen Denkfehler: es behandelt alle Bücher gleich.

Nicht alle Bücher aber sind Romane. Nicht alle Bücher sind vergleichsweise so einfach herzustellen wie Romane. Weder in der Vorarbeit noch in der Umsetzung. Viele gedruckte Werke (beim Begriff "Bücher" denkt man ja gleich an Schwarten) sind aus einem ganz bestimmten Grund kurz und eben nicht günstig - und zwar nicht dem, um die Leser abzuzocken.
Sondern weil es nicht günstiger geht.

Amazons neues Verfahren benachteiligt alles, was kein umfangreicher Roman ist:
  • Comics
  • Kinderbücher (nicht Jugendromane!)
  • Kochbücher
  • Ratgeber
  • Sachbücher
  • und, und, und ...
Jedes gedruckte Werk mit einem hohen grafischen Anteil ist aufwändiger und teurer in der Herstellung als ein Roman. Bei Amazon gilt aber "a page is a page". Also, egal, wie viel Aufwand in die Erstellung einer einzelnen Seite geflossen ist, sie wird gleich bezahlt.

Sollten die vermuteten 0,5 Cent pro gelesener Seite tatsächlich zutreffen heißt das,
  • das man für ein Comicheft von 32 Seiten noch 16 Cent erhält
  • dass man für ein Kinderbuch von 48 Seiten gerade mal noch 24 Cent erhält
  • dass man für ein reich bebildertes Kochbuch von 100 Seiten gerade noch 50 Cent erhält
immer vorausgesetzt, sie wurden komplett gelesen. Und, ja, Dollarcent. In Euro darf man aktuell noch mal zehn Prozent abziehen.

Lohnt sich das? Das muss jeder Anbieter für sich selbst entscheiden. Ich ziehe meinen Comic zurück. Verramschen muss ich ihn nun wirklich nicht.

War das in Amazons Sinne? Das kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre eine glatte Ohrfeige für viele Kreative in der Buchbranche.
Mir sieht diese Umstellung auf Seitenabrechnung eher nach einem unbedachten Aktionismus aus, um verärgerte Romanautoren zu halten. Ohne daran zu denken, dass man alle anderen Autoren damit vor den Kopf stößt.

Der Buchmarkt besteht eben nicht nur aus Romanschwarten. Nicht alle Titel sind für einen Massenmarkt ausgelegt, erst recht nicht außerhalb der Mainstream-Belletristik.

Ich bin etwas verblüfft, dass Amazon das offenbar nicht bedacht hat.
Oder es will sich bewusst nur noch auf dieses eine Segment konzentrieren, zumindest bei Ausleihen. Nur sind just Romanleser auch Vielleser, die den Monatsbeitrag gerne ausschöpfen.

Ich kann es drehen und wenden wie ich will - ein vernünftig durchdachtes Konzept sieht anders aus.

Kommentare:

  1. Aus meiner Sicht sieht Amazon das Flatrate-Lesen auf dem Vormarsch und spotifyisiert den Lesemarkt. Dazu gehört die derzeit laufende Indizierung sämtlicher E-Books, die das Hin-und-Herspringen in einem unergründlichen Textmeer erlaubt. Die Konsequenzen für die Entlohung der Autoren werden damit auch für Schöngeister hart werden.

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    1. Nicht, dass Amazon das Rad hier neu erfinden würde. Die Austauschbarkeit von Autoren wird von Mainstream-Verlagen schon lange praktiziert.
      Die große Eigenheit von Romanen ist es zumindest, dass man sie nicht nebenher lesen kann wie man Musik hören kann. Und das sorgt (hoffe ich doch) zumindest für eine bewusste Wahrnehmung des individuellen Autors als Kreativen.

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    2. Die Sklaventreiber!! Jetzt hat man wenigstens die Möglichkeit auf neobooks, bookrix und Co auszuweichen und breiter zu streuen, was vorher durch die Bindung nicht möglich war. Soll angeblich sowieso lukrativer sein, was ich bisher aber nicht probiert habe, da Select für mich profitabel war.

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