Montag, 21. Dezember 2015

Self-Publisher und das George-Lucas-Syndrom

George Lucas ist bekannt als der Schöpfer der Star Wars-Filme. Das hat ihm seine Fans eingebracht.
George Lucas ist aber auch bekannt als der Mann, der an diesen Filmen herumgedoktert hat. Und das wiederum hat ihm unter den Fans der Filme sehr viel Unmut eingebracht.

Was hat das nun mit Self-Publishern zu tun?
Nichts mit Self-Publishern im Allgemeinen, genauso wenig wie Lucas stellvertretend für alle Regisseure steht.
Dafür aber viel mit jenen Autoren und Autorinnen, die ihr Werk nicht in Ruhe lassen können, weil sie meinen, es nachbessern zu müssen.

Lucas hat dann angefangen, seine Filme zu bearbeiten, als die Technik einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht hat, gerade mit digitalen Spezialeffekten (wofür seine hauseigene Firme ILM in all den Jahren nicht ganz unverantwortlich war).
  • Das Bildmaterial wurde digital aufbereitet. - Das ist nicht unbedingt etwas Anrüchiges.
  • Es wurden Spezialeffekte hinzugefügt oder "aufgehübscht". - Auch das ist noch nicht allzu verwerflich. Filme wie die Star Wars-Saga leben von Spezialeffekten.
  • Es wurden digital Figuren, Objekte und Fahrzeuge eingefügt, um für mehr Leben zu sorgen. - Ah, da kommen wir schon langsam in die inhaltliche Gefahrenzone.
In der Schlussszene in Episode IV beim Angriff der Rebellen auf den Todesstern sind in der aktuellen Fassung deutlich mehr X-Flügler zu sehen als in der von 1977. Es macht aber dramaturgisch sehr wohl einen Unterschied, ob ein paar Rebellenschiffe angreifen, die eigentlich keine Chance auf Erfolg haben können und dennoch alles versuchen, oder eine ausgewachsene Flotte.

1977 war es der Mut der Verzweiflung der Rebellen. 1997 ff war es ein kalkulierbares Unterfangen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ausgangssituationen und damit andere Geschichten.

Richtig übel sind Lucas' Spielereien aber in zwei Szenen. Die erste hat unter dem Meme "Han shot first" inzwischen Einzug in die Geek-Kultur gehalten.
In der Szene geht es darum, dass Han Solo mehr oder minder hinterrücks (verborgen durch die Tischplatte) einen Kopfgeldjäger erschießt, der ihn festnehmen will. In der 1997er Version schießt der Kopfgeldjäger zuerst, in der von 2004 schießen nun beide gleichzeitig.

Und das alles nur, damit Han Solo weniger schurkisch und mehr wie ein Held dasteht. Das Ansinnen dahinter ist so durchsichtig wie es einen faden Beigeschmack hat. 

Die zweite Szene ist die Schlussszene von Episode VI, als der Geist Anakin Skywalkers (Darth Vader) neben dem von Obi Wan und Yoda auftaucht. Im Original wurde er von Sebastian Shaw dargestellt, in der Neufassung (nach den Episoden 1-3) wurde plötzlich Anakin-Schauspieler Hayden Christensen eingebaut.
Nett! Da freut man sich doch als Schauspieler, wenn man so einfach rausgeschnitten wird, aus einem bereits veröffentlichten Film!
Dass es alleine schon von der Logik her hanebüchen ist, hat Lucas nicht gestört. Er hätte dann konsequenterweise auch Alec Guinness durch Ewan McGregor ersetzen müssen.
Aber das hat er dann wohl doch nicht gewagt.

Ein langer Exkurs - und was hat das nun noch mal mit Self-Publishern zu tun?

Gerade unerfahrene und/oder kommerziell unerfolgreiche Self-Publisher tendieren dazu, ihre bereits veröffentlichten Romane nicht in Ruhe zu lassen. Auch hier gibt es natürlich einen graduellen Unterschied.
  • Tippfehler verbessern. - Das wird erst mal niemanden stören.
  • Sätze umschreiben, weil sie vorher zu verquastet waren (am besten noch, weil man sich keinen Lektor leisten konnte oder wollte). - Tja, da fängt es schon an.
  • Ganze Szenen umschreiben, rauskürzen oder hinzufügen. - Jetzt sind wir in Lucas' Werkstatt.
  • Titel abändern, weil der alte vielleicht doch nicht so toll war. - Sauber, sauber ...
All diese Vorgehensweisen zeigen, dass es nicht um den Roman als solches geht. Sondern nur darum, ein Produkt so lange wie nötig und so weit wie möglich in Form zu trimmen, damit es hoffentlich Geld abwerfen möge und Erfolg beschere.

Am besten wird dazu das alte eBook vom Markt genommen, mit neuem Cover und neuem Titel versehen und neu veröffentlicht. Und groß beworben. Vielleicht kauft es sogar irgendein ahnungsloser Leser noch mal und merkt erst nach den 14 Tagen Rückgaberecht, was er da gekauft hat, weil er davor nicht dazu kam, es zu lesen ...

Wenn ich nachsichtig bin, bescheinige ich diesen Autoren und Autorinnen einfach nur ein mangelndes Selbstbewusstsein und eine Unsicherheit gegenüber dem eigenen kreativen Schaffen. Was nichts an der Tatsache ändert:

Wenn der letzte Roman nicht so gut war wie gedacht, dann gibt es nur eine akzeptable Vorgehensweise:

Schreibt einen neuen Roman und macht es bei diesem besser!

Glaubt denn ernsthaft einer der Self-Publisher, die an ihrem Roman herumfuhrwerken, dass auch nur irgendeiner der Leser, die ihn in der Erstfassung gekauft haben, ihn noch mal lesen wird, nur weil ein neues Cover drauf ist oder ein paar Fehler nachkorrigiert wurden?!

Nein. Diese Arbeit wird ausschließlich für zukünftige Leser gemacht.
Die, die man nicht erreicht hat und nun hofft, zu gewinnen. So ehrlich sollte man dann schon gegenüber sich selbst sein. Erstkäufer haben in die Montagsware investiert. Es wäre in diesem Fall nur fair, die erste Fassung des Romans als Beta-Version zu kennzeichnen.

Warum haben sich Self-Publisher an diese Unsitte gewöhnt?
Weil sie geht.
Weil sie so verführerisch ist.
Weil sie so einfach ist.
Weil es möglich ist, innerhalb von Minuten eine neue Version bei Shops und Distributoren hochzuladen und so zu tun, als habe es eine vorherige nie gegeben.

Stellt euch das mal im Buchhandel vor.
Da kommt ein Rollkommando von z.B. Bastheyne House und nimmt alle Taschenbuch-Exemplare aus den Regalen und ersetzt sie durch neue, noch vor Ladenöffnung ...

"Ja, wissen Sie, wir haben gemerkt, dass das alte Cover bei metro-fruktarischen Leserinnen zwischen 15 und 16 nicht so gut ankommt. Der Held hat jetzt auch einen Namen, der sich leichter aussprechen lässt. Und ein  Tattoo mit dem Namen seiner verschollenen Schwester. Unsere Marketing-Abteilung ist da nachträglich noch auf eine tolle Idee gekommen. Wir machen aus dem Dreiteiler nun auch einen Fünfteiler und beleben den Schurken wieder, der im zweiten Band draufging. Die Leser werden das kaum merken."

Es gibt Gründe, warum viele Autoren und Autorinnen von ihren Erstlingswerken nichts mehr wissen wollen (und von ein paar Gurken, die sie zwischendurch geschrieben haben). Und es würde mich nicht wundern, wenn manche von ihnen den Impuls verspüren, sie am liebsten umzuschreiben.
Nur allzu verständlich. Aber will man als Autor professionell Fuß fassen, konzentriert man sich immer nur auf den nächsten Roman.

Zu einem veröffentlichten Roman (und seinen Schwächen) steht man - oder veröffentlicht ihn erst gar nicht.

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