Mittwoch, 20. Januar 2016

Stehe zu dir selbst - von Verkäufen und Erwartungen

Letzte Woche gab es einen spektakulären Fall in der Self-Publisher-Szene, der bei vielen Beteiligten vor allem die Frage nach dem „Warum?“ ausgelöst hat.
Ich werde auf diesen Fall an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Der/die Betroffene wird mit den Konsequenzen genug zu kämpfen haben.

An dieses „Warum?“ schließt sich eine unangenehme Antwort an. „Weil ich keinen anderen Weg gesehen habe, als es so zu tun. Weil ich mich dazu gezwungen sah.“
Wie kommt man aber in solch eine Situation, die einen zu solch einer Entscheidung … zwingt? 

Katharina von Haderer hat ihrerseits einen sehr guten Blogartikel geschrieben, um den Vorfall aufzuarbeiten, „Die Kurve nimmt keine Rücksicht auf dich“.
Er erzählt vom Druck, dem man als Self-Publisher unterliegt. Dem Erwartungsdruck, dem Zeitdruck, dem finanziellen Druck – und damit letztlich auch dem emotionalen Druck.

Verlage haben hier eine gute Funktion: sie können als Puffer dienen.
Zwischen der zerbrechlichen Welt eines Autors und der kalten Realität da draußen.

Als Verlagsautor muss man zuerst nur die Erwartungen ganz weniger Menschen erfüllen. Vor allem die des Lektors, damit indirekt auch die des Verlegers und vielleicht noch (wenn man einen hat) die des Agenten. Das sind wenige Personen, die man vielleicht sogar persönlich kennt und sich auch schon getroffen hat.
Alleine diese wenigen Personen können ausreichen, um einen beim Schreiben unter Druck zu setzen. Unter dem Strich aber gibt es wenig, was sich in einem Einzelgespräch nicht klären ließ. Wie in einer Familie. Oder einer Beziehung.

Und dann kam Self-Publishing.

Der Türsteher „Verlag“ entfällt. Der Puffer aber auch.
Das gibt einem ungeahnte Freiheiten. Es lässt einen aber auch nackt im Regen stehen. Nackt vor einem unerbittlichen Markt. Und Auge in Auge mit Tausenden von erwartungsvollen LeserInnen. Tausenden, im besten wie im schlimmsten Fall.

Denn das setzt einen unter Druck.

Um diesen zu beschreiben, gibt es den Begriff „Lampenfieber“ (der nur ansatzweise aussagt, was in einem vorgeht). Es gibt hochbegabte Musiker und Bühnenschauspieler, die ihren Beruf aufgeben mussten, weil sie mit dem Druck nicht zurechtkamen, vor Live-Publikum die Erwartungen von Tausenden zu erfüllen, die alle direkt vor einem stehen und auf deinen Einsatz warten.
Autoren haben das Glück, dass sie – bis auf Lesungen – nicht live auftreten müssen. Nur erzeugt der heutige direkte Kontakt zu seinen Lesern über soziale Medien einen ähnlichen Druck. Man kann persönlich und direkt mit ihnen kommunizieren, ist hautnah erreichbar, wie in einer Familie – einer Familie von Tausenden, die auf deinen Einsatz warten.

Kreative zahlen von ihren Einkünften ihre Miete – aber sie leben vom Feedback derer, die ihre Werke genießen.

Es entsteht gerade bei Self-Publishern ein Wechselspiel aus finanziellem und emotionalem Verdienst. Und der unterschwelligen Angst davor, wenn beides zurückgeht oder ausbleibt. Und dem Druck, der dadurch schnell entstehen kann.
Sinken die Verkäufe, heißt das indirekt auch, dass man Zuneigung verloren hat. Und Einkünfte.
Und nun ist es die Frage, wie man damit umgeht.
Es ist eine Frage, die nicht mehr und nicht weniger betrifft als die Frage, wie man mit seinem Leben umgeht. Wo man sich stehen sieht. Ganz alleine für sich. Und im Zusammenleben mit anderen.

Wie geht man mit Trennungen um? Wie mit Verlust? Oder Niederlagen?

Viele Kreative – und gerade auch Autoren – sind hier sehr anfällig, mit einer dünnen Haut, die nicht in der Lage ist, viel abzufangen. Ich habe auch robuste Naturen kennen gelernt, gerade unter Heftromanautoren. Ein Knochenjob. Wer davon leben will, sollte in der Lage sein, zwei Heftromane im Monat zu schreiben, insgesamt um die 350.000 bis 400.000 Zeichen. Monat für Monat, tagein, tagaus.
Wer das nicht kann – und das können nur die wenigsten –, will sich für seinen Roman die nötige Zeit nehmen können. Und, ja, seien wir ruhig sentimental, alles an Herzblut in die nächste Geschichte stecken.

Und dem gegenüber steht der Druck, den ich oben angesprochen habe. Von allen Seiten.
Wie geht man damit um?

Das kann jeder nur für sich selbst herausfinden. Wichtig ist aber, dass man sehr früh lernt, damit umzugehen. Und sich selbst gut genug zu kennen, um zu wissen, wie man damit umgeht.
Als meine Verkäufe das erste Mal drastisch zurückgingen (davon haben sie sich bisher nicht erholt), war das bei mir eine Mischung aus Unverständnis und aufkeimender Panik. Ich wollte nicht wahrhaben, was da passierte. Ich hatte mich doch gerade erst in diesem Leben eingerichtet und endlich einen Weg für mich gefunden!

Ein Teil von mir versucht nach wie vor viel zu hastig, viel zu nervös, eine Lösung zu finden, den erfolgversprechendsten Weg.
Was soll ich nur schreiben? Wann? Wie viel? Für wen? Wo veröffentlichen? Wie Werbung machen?
Panikpanikpanik!

Druck erzeugt Panik. Panik ist der schlechteste aller Ratgeber.
Gerade für Autoren.
Niemand schreibt gut, wenn er panisch ist.

Der andere Teil in mir weiß wiederum genau, was er will. Er weiß, welche Geschichten er schreiben will. Er weiß, wie viel ich schreiben kann. Er weiß, was er mir als Autor zumuten kann und was nicht.
Er weiß auch, dass ich mir wieder einen Job suchen muss, wenn das mit dem Schreiben nicht klappt.
Und er sieht das nüchtern und gelassen.
(Nebenbei, ich kann diesen Teil in mir mitunter echt nicht ab. Diese Überlegtheit kann einem richtig auf den Senkel gehen … ich bin emotional, also lasse ich meinen Gefühlen auch gerne freien Lauf!)

Was zählt, sind die Erwartungen, die man an sich selbst hat.
Erfüllt das, was ich schreibe, wie ich es schreibe, wie oft ich es schreibe, meine Erwartungen? Bin ich damit selbst zufrieden und bestehe damit vor mir selbst?
Ich bin kein intellektuell ausgerichteter Literat – ich schreibe selbst Unterhaltungsliteratur in einem genre-orientierten Markt, dessen Kern die Erwartungen der Zielgruppe sind. Der Leser, die ich hoffe, zu erreichen. Das ist mir sehr wohl bewusst.

Diese Leser sorgen im besten Fall dafür, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und mich bei ihnen gut aufgehoben fühle.
Die erste Zielgruppe aber besteht nur aus einer einzigen Person.
Mir selbst.

Dazu gehört Selbstbewusstsein. In seiner ureigensten Bedeutung: sich seiner selbst bewusst zu sein. Dem, wer man ist und dem, was man will.

Dann ärgern einen sinkende Verkaufszahlen und schlechte Bewertungen zwar immer noch. Natürlich tun sie das – sie treffen einen aber nicht mehr ins Mark.
Sie können mich nicht davon abhalten, der Autor zu sein, der ich sein will.
Ich stehe zu der Art und Weise, was ich schreibe und wie ich schreibe.

(Und wenn es meinen Lesern gefällt, freut’s mich! Ungemein! Aber denkt daran: ich bekomme meine Romane immer als Erster zu lesen. Und ich bin jedes Mal schon gespannt darauf. ^^)

Kommentare:

  1. Sehr schöner Beitrag Thomas. Danke dir.

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  2. Ein toller Beitrag, der mir - denke ich - helfen wird, in Zukunft (wenn mein erstes Buch erschienen ist) mit solchen Situationen besser umzugehen. Denn ich denke, dass dieser Druck einen wirklich sehr schnell erfassen kann und es schwierig ist,mit ihm umzugehen.

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