Mittwoch, 17. Februar 2016

Deutsche eBook-Shops und Self-Publisher - so wird das nix

In meinem letzten Artikel habe ich aufgezeigt, wie sich (zumindest bei meinen Romanen) die potenzielle und die tatsächlich Reichweite der Tolino-Shops voneinander unterscheidet.

Ich habe für mich nun den Schluss daraus gezogen, meine wichtigsten Romane vorerst exklusiv zu Amazon zu ziehen. Das muss jede/r Autor/in für sich entscheiden. Ich für mich treffe eben diese Entscheidung.

Ich habe daraufhin einer Mitarbeiterin (die ich über Facebook seit ein paar Jahren kenne) bei Tolino Media (TM), dem Distributor für die Shops, eine Nachricht geschrieben, wie sich das für mich darstellt.

Ursache für meine Entscheidung sind die neuerlichen Quoten der KU-Ausschüttungen. Es frustriert nicht wenige, dass sie von Monat zu Monat sinken und mit 0,33 Cent pro gelesener Seite einen neuen Tiefpunkt haben.
Viele suchen nach Alternativen.
Noch mehr als KU frustriert sie dann allerdings das Bild, das Tolino Media abgibt.
Ich kenne inzwischen so viele, die liebend gerne einsteigen würden - die es aber trotz der ständig sinkenden KU-Zahlen für die schlechtere Alternative zu einer KDP-Exklusivität halten.
Und das hat im Kern damit zu tun, dass sie keine, aber auch wirklich keine, Möglichkeit sehen, aktiv ihre Romane zu promoten.
Was habe ich von einer potenziellen Reichweite der Tolino-Shops, wenn - außer der paar sonnengereiften Trauben, die schon bei Amazon einen guten Wein abgegeben haben - kaum einer in den Genuss einer Marketingaktion kommt?
Die Bestseller-AutorInnen bei Amazon, die sind mit Tolino vollauf zufrieden. Die verkaufen laut eigener Aussage mitunter in den Tolino-Shops mehr als bei Amazon.
Schön.
Für die.
Was bringt das mir?
Null.
TM hinterlässt denselben Eindruck wie die ganzen Verlags-Imprints: es pickt sich die Rosinen aus dem Self-Publisher-Kuchen und lässt den großen Rest im Regen stehen.
Wenn ich von meinem letzten Roman über 95 % bei Amazon verkauft bekomme, dann MUSS ich mir meine Gedanken machen.

(Der Text ist zur allgemeinen Verständlichkeit leicht bearbeitet.)

Ich kenne sie, und ich habe auch zwei andere MitarbeiterInnen wenn schon nicht kennen gelernt, so zumindest live erlebt. Bei Tolino Media wird schon versucht, das Mögliche für die Self-Publisher rauszuholen. Schließlich ist das auch deren Geschäftsmodell. Der Erfolg von Self-Publishern ist der Erfolg von Tolino Media.

Das funktioniert aber nur, wenn die angeschlossenen Shops mitmachen.
Und hier kommen wir nun in einen klassischen Interessenkonflikt.

Eine gute Sichtbarkeit auf ihren Seiten lassen sich die großen deutschen Shops gut bezahlen. Das ist nicht anders als im stationären Buchhandel. Ich habe von einem Shop die Zahl von 500,- Euro für zwei Wochen (ich habe das zu Verlagszeiten selbst einmal in Anspruch genommen).
Dafür gab es eine hervorgehobene Position auf der Kategorienseite und eine Erwähnung im Newsletter.

Das ist doch mal eine Hausnummer. Das kann ein Shop also verdienen, wenn er einen Platz verkauft. Die Preise werden variieren von Shop zu Shop, je nach Kategorie und Platzierung.

Zudem verdient ein Shop an einem Verlags-eBook deutlich mehr als an einem von Self-Publishern.

Das hat zwei Gründe:
  • den Verkaufspreis
  • die ausgezahlte Marge

Self-Publisher-eBooks sind aus gutem Grund und zurecht günstiger als Verlags-eBooks. Als SP kommt man auch mit einem deutlich geringeren Endverkaufspreis auf einen höheren Gewinnanteil als mit einem Verlagstitel. Man muss ihn gar nicht so teuer verkaufen, da niemand mitverdient.

Das macht ihn aber für Händler uninteressant(er).
eBooks von Self-Publishern liegen im Schnitt zwischen 2,99 und 3,99. Die von Verlage eher zwischen 4,99 und 8.99 (teure bzw. (meiner Meinung nach) überteuerte Bestseller mal außen vor).

Nehmen wir also einen Preis von 2,99 für das eBook eines Self-Publishers an und 6,99 für das aus einem Verlag.

Tolino Media zahlt den AutorInnen 70 % von Nettoverkaufspreis aus. Das muss es, um mit Amazon konkurrieren zu können. Das heißt aber, es bleiben gerade mal noch 30 %, und die müssen Shop und TM unter sich aufteilen.
Ein Shop wird mindestens 20 % nehmen, für TM blieben also gerade mal 10 %.

Aus meiner Zeit als Verleger konnte ich nachrechnen, dass viele Shops zwischen 35 % und 40 % einbehalten. (Nicht leugnen, sonst hole ich meine Abrechnungen raus ...)

  • An einem Self-Publisher eBook für 2,99 über TM verdient ein Shop gerade einmal 50 Cent.
  • An einem Verlags-eBook für 6,99 über einen Distributor verdient ein Shop wiederum 2,34 Euro. (bei 30 % noch 1,75 Euro)

Wenn ihr Shopbetreiber wärt, was würdet ihr dann also bevorzugen?

Einen Verlag, der auch bereit ist, mehrere hundert Euro in einem Werbeplatz zu investieren und pro Verkauf zwischen 1,75 und 2,34 einbringt.

oder

Einen Self-Publisher, der das Geld für die Werbung höchstwahrscheinlich nicht aufbringt und euch gerade einmal 50 Cent einbringt.

Aus marktwirtschaftlicher Sicht kann das Zusammenspiel zwischen deutschen Shops und Self-Publishern gar nicht funktionieren!

Wenn ein Shop also nicht bereit ist, deutsche Self-Publisher als, ja, ich bin jetzt pathetisch, als Bereicherung, als Kulturgut zu begreifen, und - wider alle Vernunft - idealistisch zu handeln, werden bis auf die paar Rosinen im Self-Publisher-Kuchen unabhängige AutorInnen in deutschen Shops ein Randdasein fristen.

Und nun kommt Amazon.

Ich habe bereits im März 2013 darauf hingewiesen, dass Amazon nicht nur Geld verdienen, sondern die Buchbranche komplett umkrempeln will.

Die neuesten Zahlen von Author Earnings bestätigen das auf eindrucksvolle Weise. Denn sie stellen das Geschäftsmodell der deutschen Shops schlicht auf den Kopf.

Bild (C) 2016 Author Earnings 

In deutschen Shops bringen Verlagstitel das Geld ein. Bei Amazon sind es die unabhängigen AutorInnen, während sich die Verlage im freien Fall befinden. Worauf wird also Amazon setzen (und durch die Bindung über Select auch weiterhin schön betreiben)?

Beide Interessen und Ausrichtungen und Zielrichtungen stehen sich diametral gegenüber. Amazon will genau das Gegenteil dessen, was die deutschen Shops wollen (und damit in letzter Konsequenz die etablierte Buchbranche). Dieses Gegenteil kommt mir aber entgegen, unterstützt mich in meinen Bemühungen.
Amazon ist da alles andere als selbstlos, keine Frage. Lieb schon gar nicht. Aber es tritt als Partner auf, der etwas von mir will.

Die deutschen Shops versuchen erst gar nicht so zu tun, als wollten sie etwas von mir. Oder als wollten sie etwas mit mir zu tun haben. Eine Basis für eine geschäftliche Partnerschaft ist das aber nicht.

Kommentare:

  1. Ich stimme dem Artikel voll und ganz zu. Die gleichen Erfahrungen haben wir auch gemacht. Bei Amazon muss man nichts bezahlen. Im Gegenteil, man bekommt u.U. Boni geschenkt. Selfpublisher wurden dort schon immer gleichrangig neben Verlagsbüchern behandelt. Und so etwas wie KU, da muss Tolino erstmal hinkommen. Wir verdienen an KU das Doppelte von den Verkäufen. Tolino muss sich, um da hinzukommen, noch gewaltig anstrengen.

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  2. Bravo! Entspricht voll und ganz meiner Erfahrung. Noch eine Ergänzung. Auf (nur) eine Abrechnungen von einem deutschen Verlag warte ich jetzt 4 Jahre. Nicht weil es strittig wäre, einfach so.... Auf eine (Rest)Zahlung von einem deutschen Shop warte ich jetzt 7 Wochen, Mails werden nicht beantwortet. Auf eine (ebenfalls Rest)Zahlung von einem anderen Shop warte ich auch seit 3 Jahren. Strittig ist das nicht, eine Abrechnung habe ich bekommen, nur kein Geld.
    An den Verlag und die beiden Shops habe ich einen Haken gemacht, ich habe Wichtigeres zu tun, als mich über so was zu ärgern.
    Amazon? Nach dem Geldeingang auf meinem Konto kann ich die Uhr stellen!

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  3. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit TM gemacht, indem ich auf Preisaktionen bei TM aufmerksam mache, TM empfiehlt diese dann an die Shops, die die Preisaktionen in der Rubrik "Schnäppchen" platzieren. So kam ich schon mehrmals in die Top 50 mit verschiedenen Pseudonymen

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    1. Ernsthaft: freut mich, dass das geklappt hat!

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